Wipptal, August - September 1984, Ausgrabungsprotokoll 4

Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 4

Wie schon aus den topographischen deutlich erkennbar ist, unterscheidet sich das Grabungsgebiet im Wipptal grundlegend vom Grabungsgebiet im Inntal. Während wir es im Inntal mit einer doch eher ebenen und überwiegend flussläuflich gestalteten Oberflächenstruktur zu tun haben, deren strukturbildende Besonderheiten auch im schichtenspezifischen Grabungsprofil (verschiedene Schotter, Lehmerden, mergelig-sandige Einschübe, kieselkalkige Schichten [das nördlich des Inns gelegene Unterinntal wird von mineralkalkigen Gebirgszügen gebildet] durchgehend nachweisbar bleibt, sind die subsurfalen Materialbestände im Wipptal von einer eindeutig zentralalpinen Charakteristik geprägt.

Das gesamte sich vom Süden (genauer gesagt: Brennerpass; da hier die etymologische Besonderheit anzutreffen ist, dass sich der Name „Wipptal“ über die Passhöhe des Brennerpasses [ca. 1350 m ü.M.] hinaus nach Süden hin erstreckt, bis zur italienischen Ortschaft Vipiteno/Sterzing [948 m ü. M.], wobei hier bereits der Flusslauf der Isarco [Eisack], bedingt durch die Wasserscheide des alpinen Zentralmassives, die sich nach Süden hin abfallende Tallandschaft gebildet hat. Dennoch wird erst ab Vipizeno/Sterzing südwärts vom „Eisacktal“ gesprochen) nach Norden (bis Innsbruck/Einmündung des Wipptals in das wesentlich breitere Inntal) erstreckende Wipptal entspricht in seiner geomorphen Ausformung einem typisch intermontanistischen Seitental innerhalb eines mittleren bis hohen hydroerosiven Rahmengefüges, welches seit der letzten Eiszeit im Niederschlagsbereich von einer relativ konstant hohen meteoraquarinen Aktivität gekennzeichnet ist. Dies zeigt sich auch nachdrücklich im V-förmigen Talquerschnitt, der besonders deutlich in jenen Talbereichen auftritt, welche die nahezu canyonartigen, durch den Wasserlauf in die Felsen eingeschnittenen Schluchten aufweisen. Gegenwärtige Besiedelungen finden sich meist auf den wenigen terassenförmigen Anhöhen (geformt in der letzten Eiszeit) und in den Schwemmlandbereichen von einmündenden Bachläufen kleinerer Seitentäler. Botanisch gesehen weist das Wipptal die typischen mittel- bis höheralpinen Bewuchsformen auf. Die Nutzwälder sind überwiegend von Fichten (Picae) geprägt, während in den forstwirtschaftlich nur sporadisch oder kaum genutzten Gebieten, je nach Bodenbeschaffenheit, ein hoher Anteil der Europäischen Lärche (Larix decidua) typisch ist. Diese Form des Baumbestandes prägt auch den arteologischen Grabungsraum im unteren Bereich der westufrigen Seite der Europabrücke talauswärts.

Die hier den oben beschriebenen, natürlichen Bedingungen geschuldete Talenge war mit ein essentieller Grund für die räumliche Verortung des Grabungsgebietes. Auch wenn lediglich im Bereich der heutigen „Bundesstrasse“ relativ ebene Geländeteile vorfindbar sind, so ergibt sich daraus bei kontextueller arteologischer Befundung die äusserst hohe Wahrscheinlichkeit, dass gerade hier, in diesem „Engpass“ nahezu zwingend arteologische Artefakte ergrabbar und in Nachweislichkeit auffindbar sind (vgl. dazu die generelle Bedeutung des Brennerpasses als niedrigste Nord-Süd-Verbindung in diesem Bereich der alpinen Gebirgsketten).

Die sich daraus ergebenden, erschwerten Grabungsbedingungen wurden deshalb von Dr. Arkadasch und seinem Team „Wipptal“ bewusst in Kauf genommen und bereits in den Vorbereitungen sowohl vom materiellen als auch personellen Aufwand her weitestgehend berücksichtigt, wobei auch hier einmal mehr die klimatischen Gegebenheiten und die soziotiven Charakteristika des eingeborenen Grabungspersonals nur ansatzweise und nach Erfahrungswerten in die Planung miteinbezogen werden konnten.