Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 6

Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 6

Das gesamte Grabungsgebiet mit seinen 5 verschiedenen Niveaustufen verlangte nach einer ausserordentlich genauen räumlichen so wie zeitlichen Planung, um arbeitstechnische Überschneidungen und gegenseitige Erschwerungen hintan zu halten. Neben den forstwirtschaftlichen Auflagen (sämtliche Rodungsarbeiten durften lediglich mit Einsatz von strassenseitig fixierten Seilwinden durchgeführt werden und jeder einzelne Wurzelstock musste im Nachhinein auf seine fixative Eigenschaft als Hangbefestigung geprüft und kartographiert werden), welche sich im Laufe der Grabungsarbeiten als sinnvoll und nachhaltig erwiesen, musste besonders eine dynamische und auf Bedarf erweiterbare Entwässerung eingeplant und baulich ausgeführt werden, da zum einen die Oberflächenwässer der zweispurigen und asphaltierten Strasse in diese Hangbereiche durch Drainagierungen und Verrohrungen eingeleitet wurden und weiters in diesem inneralpinen Bereich in den Sommermonaten mit Starkregenfällen und heftigen Gewittern laufend zu rechnen ist.

Hierbei stellten besonders die Hangneigung von durchschnittlich 35 ° und die Höhendifferenz von 200 Metern an die hydrogeologischen Planungen extreme Herausforderungen dar. Es galt dabei nicht nur den gesicherten Ablauf der Oberflächenwässer zu gewährleisten, sondern weit mehr musste darauf Bedacht genommen werden, dass es zu keinerlei Ausspülungen der gerodeten und damit errosiv anfälligen Gesamtbodenstruktur des Grabungsgeländes kam, welche in weiterer Folge zu veritablen Hangabrutschungen und vermurungshaften Szenarien führen konnten. Es galt somit die Entwässerungsläufe nach topografischer Möglichkeit kaskadenhaft zu applizieren, dadurch die Fliessgeschwindigkeit selbst grosser und spontan auftretender Wassermassen zu minimieren, und somit das Fliessgeschiebe von Steinen, Erde und Sanden möglichst in einem unschadhaften Rahmen zu halten. Dies wurde teils durch Trockenmauerungen, aber auch betonierten Gerinnen, sowie der bewussten Nutzung des freiliegenden Mutterfelsens als Fliessgrundlage erreicht.

Eine unbedingte Notwendigkeit parallel zu diesen Arbeiten war die arteologische Sondierung all jener Geländeabschnitte, welche durch diese oberflächensichernden Massnahmen jedem weiteren arteologischem Zugriff verwehrt bleiben mussten. Mehr als einmal bedingte der arteologische Befund, dass geplante Entwässerungsläufe verlegt werden mussten. Eine zusätzliche Erschwernis bestand darin, dass auf Grund dieser extremen Hanglage im Verein mit den klimatologischen und hydrogeologischen Bedingungen nur in ganz wenigen Fällen das jeweilige Aushubmaterial direkt an den Grabungsstellen gelagert werden konnte. Es stellte sich im Laufe der Arbeiten als unabdingbar notwendig heraus, dass nahezu 85 % des Aushubmaterials per Schubkarren und Eimern zu den beiden Beladestellen der Lastenseilbahnen (diese befanden sich auf Ebene zwei bzw. drei) verbracht werden musste, um von dort elektrifiziert zum Versorgungsbereich hochtransportiert zu werden.

Um Vermischungen zu vermeiden wurde von Dr. Sven Gunnarson (einem schwedischen Arteologen) ein ausgeklügeltes Trenn- und Kennzeichnungssystem eingeführt, mit dem jeder einzelne Materialantransport von seiner direkten Ausgrabungsstelle weg, über den Seilbahntransport bis zu seiner endgültigen Verbringung in das Forschungsgelände in Innsbruck jederzeit, auch im Nachhinein lückenlos nachvollzogen werden konnte. Somit blieb gewährleistet, dass jeder einzelne Stein, jede einzelne Schaufel Grabungsmaterial selbst an der Haldenlagerung im Innsbrucker Forschungsgelände 1:1 locativ und chronologisch als zuordenbar weiterbeforscht werden konnte. Der Materialtransport von der Grabungsstelle nach Innsbruck erfolgte mittels Baucontainern, wobei auch hier mit einem Farbleitsystem gearbeitet wurde, um den eingeborenen Fahrern sowohl die Führung des zwingend vorgeschriebenen Fahrtenbuches (welches auch der internen finanziellen Gebarung diente), als auch das haldenspezifische Ablagern im Innsbrucker Forschungsgelände zu erleichtern.