Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 7

Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 7

Eine gelungene Expedition benötigt generell im Hintergrund ein bestens eingespieltes und aufeinander abgestimmtes Team mit Experten aus den verschiedensten Wissensgebieten und Aufgabenbereichen. Dabei steht der wissenschaftlich – arteologische Spezialist zwar an vorderster verantwortlicher Stelle, doch es muss allen Beteiligten von Anfang an klar sein, dass ein positives Ergebnis letztendlich nur durch eine gleichwertige Berücksichtigung aller ausgrabungsrelevanten Parameter erzielbar bleibt. Auch wenn das planungsmässige Primat auf der arteologisch – wissenschaftlichen Prämisse liegt, so darf durch diese in sich schlüssige und vor allem praxisbewährte hierarchische Strukturierung sämtlicher relevanter Aufgaben, keine neidhafte oder gar mit Verhinderungsabsicht agierende Zersplitterung in verschiedene Gruppen und Arbeitsteams auftreten – denn dies muss über kurz oder lang zu gegenseitigem Vertrauensverlust und Streit führen.

Es ist nicht genug zu betonen, dass diese scheinbar logischen und sich aus dem Ablauf einer Planung und Durchführung einer Expedition ergebenden organisatorischen Schwerpunkte auf keinen Fall im Bereich der eigenen direkten Verantwortlichkeit der finanzierenden und/oder planenden enden darf, sondern dass es für den tatsächlichen Erfolg einer jeden Expedition unerlässlich ist, nicht nur die örtlichen Gegebenheiten vor Ort, sondern auch die sozioökonomischen und soziotraditionellen Erscheinungsformen des unmittelbaren Bereiches der durch die Expedition betroffenen Gebiete restlos mit ein zu beziehen. Wie oft schon zeigten die wissenschaftlichen Befunde und die daraus resultierenden neuen Erkenntnisse, dass die Historie so manches ethnologischen Selbstverständnisses durch eben diese Erkenntnisse in ihren Grundfesten gestört, wenn nicht gar zerstört wird. Um so wichtiger ist und bleibt eine weitestreichende Einbindung der lokalen Bevölkerung, der lokalen administrativen Würdenträger, der kultischen Träger sowie sämtlicher lokaler und überregionaler Medien. Hierbei frühzeitig eine Vertrauensbasis zu schaffen (z.B. durch Einbindung in die Planungen, das Anstellen von örtlichen Eingeborenen, Aufträge an heimische Wirtschaftsbetriebe [wie Fuhrunternehmen, forstwirtschaftliche Betriebe, oder die Errichtung von Baracken und Werkstätten durch Gewerbebetriebe vor Ort]) bedingt als erstes den direkten Draht zur Wohnbevölkerung rund um das Ausgrabungsgebiet herzustellen. Ist hier ein positives Einverständnis erzielt, wird es späterhin eventuell leichter sein zwangsweise Um- und Absiedelungen vorzunehmen, sofern dies der wissenschaftliche Grabungsverlauf verlangen sollte. Hierbei dienten vor allem die Erfahrungen der arteologischen Ausgrabung im Jahr 1982 im Inntal als Planbeispiel mit allen seinen positiven aber auch den wenigen negativen Erfahrungen. Damals gelang es Dr. Arkadasch in einer bewusst gestalteten medialen Offensive, das anfangs ins negative kippende Image der Expedition doch noch so weit ins positive zu korrigieren, dass zumindest einem weiteren Arbeiten keine direkten Widerstände durch Sachbeschädigungen oder dergleichen mehr entgegengebracht wurden. Auch wenn sich mit dem Fund des „Innti“ alles in Wohlwollen auflöste, so blieb doch die Erfahrung zurück, beim nächsten Mal gleich von Anbeginn auf die richtige Einbindung der eingeborenen Bevölkerung vor Ort zu achten.

Es wurden daher sowohl die Schlägerungsarbeiten als auch das Einzäunen des gesamten Grabungsgeländes an heimische Betriebe vergeben. Auch die Errichtung der beiden Versorgungshütten, so wie die Erschliessung mit elektrischer Energie, die Wasserzuführung und Abwasserableitung wurde mit regionalen Firmen, so weit als möglich (die Einrichtung des Labors und des Kommunikationsbereiches der Büroräume erforderte dann doch Spezialisten aus Izmir) abgewickelt, um so von Haus jede Separatierung des Grabungsteams und seiner arteologischen Zielsetzungen hintan zu halten.

Ehe die tatsächlichen Grabungsarbeiten (abgesehen von den notwendigen Sondierungen für die Drainagierungen) begannen, war somit tatsächlich eine wirtschaftliche Wertschöpfung vor Ort (noch dazu in einem ökonomischen Pauperitätsgebiet) erzielt worden, welche vorrangig und nachweislich hauptsächlich der eingeborenen Bevölkerung vor Ort zu gute gekommen ist.

Wissenschaft ist Zukunft, auch wenn sie sich in verschiedensten Bereichen mit Vergangenem beschäftigen muss. Wenn dieses Verständnis bei allen Beteiligten Einzug gehalten hat, ist auch der Boden für eine kritische Auseinandersetzung mit etwaigen neuen Erkenntnissen bereitet.