Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 9
Alleine die Vorbereitungsarbeiten für die grossangelegte Katastrophenschutzübung am 2. September nahmen mehrere Tage in Anspruch. Wer immer die administrativen Auflagen und Abläufe in Nordtirol kennt, der weiss, dass normalerweise derartige Planungen mehrere Wochen bis Monate in Anspruch nehmen. Der öffentliche Sektor der Schutz- und Hilfsorganisationen ist nämlich weder zentral noch vollständig hoheitsverwaltlich organisiert, sondern splittet sich in zahlreiche unterschiedliche und auch dezentrale und föderalistische Zuständigkeiten auf, welche ausserdem in ländlichen Gegenden durch nahezu privat geführte Vereinsstrukturen aufrecht erhalten werden. Es genügt also nicht an einer zentralen Stelle (ev. Dem Ministerium für Innere Angelegenheiten) sein Anliegen vorzutragen um dann umgehend mit den entsprechenden Fachleuten und Stabstellen der jeweils verantwortlichen Organisationen in Kontakt gebracht zu werden, sondern man muss sich vielmehr durch einen „Dschungel“ von Zuständigkeiten und – leider auch – örtlichen Eitelkeiten durchkämpfen, um letztendlich jene Herren und Damen an einen Tisch zu bringen, welche für das jeweilige Schutzprogramm als zuständig (und hoffentlich auch kompetent) erscheinen. Dass eine derartige Vorgangsweise natürlich die Zusammenarbeit der verschiedenen Einrichtungen und Behörden erschwert ergibt sich von selbst. Interessant erscheint allerdings, dass es mittlerweile selbst den einheimischen Verantwortlichen klar zu werden scheint, dass eine effiziente und vor allem wirksame Katastrophenhilfe unter derartigen Voraussetzungen nicht umsetzbar scheint.
Als erstes band Dr. Arkadasch daher die Türkische diplomatische Vertretung in Wien ein, um möglichst schnell einen qualifizierten Zugang zu jenen Stellen zu erlangen, welche unter die bundespolitische Kompetenz in Wien (Hauptstadt der Republik Österreich) fallen. Des weiteren sprach er direkt mit dem türkischen Handelsattache´, Herrn Dr. Abdul Mechmet, in Innsbruck, um so die Unterstützung jener Behörden zu sichern, welche auf föderalistischer Ebene (sprich Bundesland und in weiterer, absteigender Folge „politischer Bezirk“ und dann „Gemeinde“) in der administrativen Verantwortung stehen.
Besondere Eigenständigkeiten weisen in Tirol und wohl auch im gesamten österreichischen Staatsgebiet die sogenannten „Freiwilligen Feuerwehren“ auf: gleichwohl diese „Freiwilligen Feuerwehren“ auf Vereinsbasis organisiert sind, unterliegen sie einer dachverbandsartigen Struktur, die einerseits bundesländerweise, als auch gesamtstaatlich organisiert erscheint. Dennoch muss hier vor allem lokalpolitischen Interessen grösste Rücksicht entgegengebracht werden, da hier sehr oft persönliche Eitelkeiten und Machtpositionen ungewollt zur Disposition zu stehen scheinen. Rivalitäten treten nicht nur zwischen professionellen Organisationen wie zum Beispiel der Gendarmerie (eine Art von Polizei) und der Katastrophenabteilung des Heeres auf, sondern auch zwischen Freiwilligen und Professionalisten, wobei hier sehr oft kleinkrämerische Eifersüchteleien jede Form einer Zusammenarbeit erschweren.
Hätte Dr. Arkadasch nicht auf internationalem diplomatischen Weg derartigen Druck vorab auf alle Entscheidungsträger ausgeübt, wäre wohl eine derartige Übung weder in so kurzer Zeit noch in einem derartigem Ausmass einer Einbindung aller wesentlichen Kräfte vor Ort möglich gewesen. Anekdotisch sei hier noch festgehalten, dass durch die Kommunikationsschienen mit Wien und der Türkischen Botschaft von allen Seiten mit einer nahezu dienerhaften Mentalität – welche aber wieder überwiegend den charakterlichen Eigenheiten des Tirolers entspricht – auf die Anforderungen der Übungsplanung eingegangen wurde.
Es gelang somit Dr. Arkadasch Dag und seinem Team „Wipptal“ zum ersten Mal eine lebensnahe Katastrophenübung unter arteologischen und archäologischen Prämissen abzuhalten, wobei hiebei zusätzlich das Hauptaugenmerk auf einer entsprechenden Wahrung und Sicherung etwaiger Funde nicht nur theoretisch sondern auch in der praktischen Umsetzung gelegt wurde.