Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 10

Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 10

Die Übungsannahme ging von folgendem Szenario aus: durch ein starkes Unwetter sind sämtliche direkten Zufahrten zum Grabungsgelände blockiert und nur fussläufig passierbar. Die Einsatzkräfte können selbst mit ihren geländegängigen Fahrzeugen nicht zum Grabungsgelände, respektive den Gebäuden am oberen, flachen und straßennahen Areal herankommen. Die Kommunikation zwischen den Einsatzkräften und dem Grabungspersonal vor Ort ist vollständig unterbrochen. Lediglich vom gegenüberliegenden Steilhang aus (ostseitiges Sillufer) kann mittels Ferngläsern, sofern sich sporadisch die Wolken und Nebel lichten, eine durch die Vegetation stark eingeschränkte optische Lageeinschätzung erfolgen. Es wird mit mehreren ärztlich zu Versorgenden gerechnet und es ist davon auszugehen, dass sämtliche Wegpassagen zum Einen erst angelegt und zum Zweiten provisorisch mit Seilen und Notgeländern abgesichert werden müssen. Zudem sind zahlreiche wissenschaftlich relevante Artefakte vor ihrer endgültigen Zerstörung durch Oberflächenwässer und wasserläufigem Geschiebe zu bewahren, zu sichern und an einen geschützten und klimatisch entsprechend vorbereiteten Ort zu verbringen. Als letzte Massnahme ist das gesamte Grabungsgelände im Hinblick auf seine weitere arteologische und/oder archäologische Nutzung, unter Leitung des wissenschaftlich Verantwortlichen vor weiteren Folgeschäden durch Vermurungen, Windwürfe, Einschlemmungen und sonstige errosive Faktoren nachhaltig zu bewahren und zumindest in seinem gegenwärtigen Status quo zu erhalten.

Ausgehend von diesen Prämissen fand vorab in der Innsbrucker Expeditionszentrale ein zweitägiges Seminar für sämtliche an der Übung beteiligten Führungskräfte sowie für die administriell Verantwortlichen der Tiroler Landesregierung ein einschlägiges Seminar unter der Leitung von Dr. Arkadasch statt. Im theoretischen Teil wurde neben den rechtlichen Grundlagen zum ersten Mal ein genereller Katastrophen­katasterplan erstellt, der die Zusammenarbeit und Aufgabenteilung innerhalb der unterschiedlichen Einsatzkräfte hierarchisch und kompetenzorientiert regelt. Hauptziel ist es dabei unter dem Primat der Erhaltung und des Schutzes der wissenschaftlichen Artefakte dennoch eine optimale Bergung und Erstversorgung etwaiger an Leib und Leben gefährdeter Personen schnellstmöglich zu gewährleisten und gleichzeitig weitere terrestrische Zerstörungen durch technische Massnahmen hintan zu halten. Das hiebei keinerlei schweres Gerät zum Einsatz gelangen darf, stellt an alle Beteiligten zusätzliche Herausforderungen dar, welche nur durch ein gemeinsames und zielorientiertes Vorgehen bewältigt werden können.

Im praktischen Übungsteil wurden den Seminarteilnehmern basale Handlungsab­läufe für eine möglichst effiziente und rasche Bergung sowie Sicherung von Artefakten nähergebracht. Dabei wurde besonders auf eine kontaminationsfreie Arbeitsweise, eine entsprechende, geschlossene Bergungskette vom Fundort bis zur Notlagerstätte und auf die fachgerechte Errichtung von adäquaten Zwischenlagern geachtet. Am Hof des Innsbrucker Expeditionszentrums stand dafür ein spontan von Dr. Arkadasch und seinem Team „Wipptal“ aufgebauter Stationsbetrieb zur Verfügung. Das Regenwetter, welches am zweiten Seminartag herrschte, sorgte dabei ungeplant für äusserst authentische Rahmenbedingungen.

Die am 2. September 1984 daraufhin direkt vor Ort am Grabungsgelände abgehaltene Katastrophenübung bestätigte eindrucksvoll den Wert der Vorbereitungen und wird in Expertenkreisen nach wie vor als Musterbeispiel für derartige Schulungen herangezogen.