Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 11
Schon die Erfahrungen die zwei Jahre vorher bei der Expedition „Inntal“ gemacht wurden, zeigen auf, wie wichtig es für jede Expedition ist, so weit als möglich die Unterstützung der eingeborenen Würdeträger und – als bestes Szenario – der eingeborenen Bevölkerung vor Ort zu erlangen. Wenn man sich vor Augen hält, dass es bei wissenschaftlichen Expeditionen universitärer Usus ist, ohne Ansehen auf Herkunft und/oder Person jenes wissenschaftliche Personal zu entsenden, welches von seiner Kompetenz und Umsetzungskraft her am besten geeignet ist, die Zielsetzungen eines derartigen Aufwandes an Mitarbeitern, Kosten und materiellem Einsatz zu einem erkenntnistheoretischen Zuwachs und belegbaren Befundstücken, unter Berücksichtigung der finanziellen Gebarung und der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Geldgeber zu führen, dann wird klar, dass hierbei selten einheimische oder gar eingeborene Kräfte zur Verfügung stehen werden. Zum Einen ist davon auszugehen (wie hier im Fall von Österreich/Tirol), dass die prinzipiellen bildungsmässigen Voraussetzungen generell fehlen (so findet sich in Österreich bis dato KEIN EINZIGER Lehrstuhl für Arteologie!), und zum Zweiten, dass gerade in den in wissenschaftlichen Zusammenhängen verorteten Zielgeländen die Wohnbevölkerung über Sitte und Tradition derart für das eigene Selbstverständnis zurecht gebogene Vorstellungen über Herkunft und arteologischen Werdegang pflegt, dass jeder wissenschaftliche Zugang von Haus aus einer Anmassung von Aussenstehenden gleicht, die in nahezu refelexartigem Chauvinismus in allen Belangen abgelehnt oder gar aktiv bekämpft wird. Die Leitung einer Expedition erfordert daher neben den wissenschaftlichen Kompetenzen auch ein gerüttelt Mass an diplomatischer Empathie, Organisations- und Improvisationstalent, um all jene Klippen zu „umschiffen“ welche einer derartigen Erkundung von neuen „Gewässern“ im Wege stehen. Und seien es lediglich Oberflächenwässer…
Durch die Übung am 2. September 1984 gelang es in allen Umlandgemeinden und Hofgruppen des Grabungsgeländes „Wipptal“ sowohl die vereinsmässig organisierten Freiwilligenhilfseinrichtungen als auch die Bevölkerung, wenn schon nicht direkt einzubinden, so doch zu eher wohlwollenden Beobachtern des Fortlaufes der arteologischen Expedition im Wipptal zu erziehen. Nach dem einschlägigen Vorbereitungsseminar in der Innsbrucker Expeditionszentrale (welches die eingeborenen Leitungskräfte mit einem Zertifikat der Freien Universität Izmir abschlossen – Titel, Zertifikate und Bescheinigungen aller Art sind dem Wesen der Tiroler und Österreicher affin) war es tatsächliche äusserst erfreulich mit zu verfolgen, mit welchem Freude und Eifer alle an dieser Katastrophenübung beteiligten Kräfte sich an der Umsetzung der Planungsziele beteiligten. Dr. Arkadasch hatte vollkommen richtig erkannt, dass eine reibungslose Zusammenarbeit hier nach eindeutigen Ordnungsstrukturen und hierarchischen Verantwortlichkeiten verlangt, da es weder die einheimischen Arbeits- und Hilfskräfte, noch der personelle Aufbau der administrativen Stellen gewohnt sind, in einem derartigen Umfeld eigenverantwortlich, zielorientiert und teamfähig zu arbeiten. Dr. Arkadasch und sein Team übernahmen daher die militärisch geprägte Kommandostruktur von Gendarmerie (eine Art von Polizei) und von den „Freiwilligen Feuerwehren“ und entwickelten daraus klare Befehlsabläufe mit genau vorgegebenen Rückmeldungsprozessen und Berichterstattungspflichten. Die dazu notwendigen kommunikativen Sprachbilder wurden in kurze, prägnante und themenspezifisch vorgefertigte Dienstanweisungen übersetzt, welche dem Hörverständnis aller beteiligten Kräfte vertraut sind und somit zu einer adäquaten Umsetzung im Handeln führten.
Die praktische Übung am 2. September 1984 bewies eindrücklich die generelle Tauglichkeit dieses insgesamten Vorgehens und fand seinen Niederschlag im „Internationalen Merkblatt für arteologische/archäologische Sicherungen und Bergungen im Fall von Naturkatastrophen“.
Es soll daher abschliessend zu dieser Thematik bewusst fest gehalten werden, dass jede wissenschaftliche Arbeit – wie aus diesem Beispiel deutlich ersichtlich ist – neben der direkten Erweiterung von Wissen zusätzlich zu kollateralem gesellschaftlichem Gewinn führt, welcher in seiner Nachhaltigkeit und Wertigkeit oft gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.