Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 13
Gerade der aussenstehende Beobachter, die Beobachterin, welche selbst in einem anderen Kulturkreis sozialisiert wurde, der Forscher, welcher unbedarft und als Fremder an seine Erkundungen herangehen kann, die Studierenden, welche fernab ihrer Heimat völlig neuartigten Eindrücken ausgesetzt werden und dann diese Beobachtungen und neuen Erkenntnisse in einen Kontext des Generellen einbringen und daraus ihre Schlussfolgerungen und Beweise zu überregionalen Gemeinsamkeiten ziehen, welche nicht immer auf genoide Verwandtschaftsverhältnisse zurück zu führen sind, sondern wohl insgesamt der Spezies Mensch als humanoide Eigenart zugerechnet werden müssen – das sind oft jene Momente im Forscherleben, welche aus den tutoralen Feldstudien, begleitend zur eigentlichen Forschungsarbeit, jene kontextuale Konsensualisierung erfahren, welche letztendlich jedem wissenschaftlichen Streben, abseits einer Maximierung zur Nützlichkeit, jene sinnstiftende Tiefe verleihen, welche insgesamt wohl als der hehrste Beweggrund jeder Forschertätigkeit gelten muss.
Es waren die Beobachtungen der lokalen, tirolerischen Volkstänze und trachtenartigen Kostüme, welche Dr. Arkadasch sowohl in ihrer Farbgebung, als auch Webtechnik und geschlechtsspezifischen Trageweise starke Parallelen zu gleichartigen indigenen Traditionen in den südamerikanischen Andenregionen, als auch im tibetanischen Hochland ziehen liess, ohne nun hierbei jedoch einen diesen Rahmen sprengenden weiteren ethnologischen Diskurs führen zu wollen.
Die Gastfreundschaft und das gemeinsame Erleben von Speise- und Trankritualen erzeugt immer wieder eine Art von gegenseitigem Verständnis und von wechselweiser Akzeptanz, welche in sich die Voraussetzungen für eine gedeihliche Zusammenarbeit über ein rein monetäres Verhältnis hinaus besitzt. Dies zeigte sich umgehend in den Sicherungs-, Sanierungs- und Grabungsarbeiten, welche parallel nach der erfolgreichen Katastrophenkatasterübung und dem Abschlussabend begannen. Sowohl die Stimmung als auch die Arbeitsfreude der eingeborenen Hilfskräfte zeugten von diesem neuen Geist eines Miteinanders, sodass schon nach wenigen Tagen, alle Drainagierungen, selbst im unwegsamsten Bereich des Grabungsgeländes wieder voll funktionstüchtig waren und die Zu- und Abläufe für die Oberflächenwässer derart verbessert, dass ein neuerliches Unwetter kaum mehr jene Schäden nach sich ziehen würde, wie dasjenige wenige Tage zuvor.
Grabungstechnisch wurden die Sondierungen zuerst auf die oberste, strassenseitig gelegene und relativ ebene Terrasse konzentriert. Durch die Starkregengüsse und die damit einhergehenden Verschlammungen durch wassergebundene Feinstäube, Kiesel und Trassierungsmaterialien (überwiegend grobschotterige Dolomite), verbunden mit der Auftrocknung und Austrocknung der letzten Tage, zeigte sich nahezu die vollständige Terassenfläche unter feinkrustigen Trockenschwemmungen, welche vom Grabungsaufwand her äusserste Sorgfalt und Umsicht erforderten, die nicht nur an das Material die höchsten Anforderungen stellten, sondern auch an die Feinfühligkeit und Geduld der Grabungskräfte. Es musste auf jedes schwerere Gerät (sprich Meisel und Vorschlaghämmer) verzichtet werden, um etwaige Fundstrukturen (die ohnehin durch das Regenwetter in Mitleidenschaft gezogen worden waren) nicht zusätzlich zu verletzen oder gar zu zerstören. Somit waren die Spitzhacke und die Schaufel die Werkzeuge dieser ersten Stunden und Tage, bis tatsächlich unter der feinkrustigen Trockenschwemmung an leichter zu bearbeitende und abzutragende Bodenschichtungen herangegangen werden konnte. Eine an sich schon kräftezehrende und schweisstreibende Tätigkeit welche durch die starke Hitze eines dauerhaften meteorologischen Hochs zusätzlich erschwert wurde und sowohl von Leitung als auch Mannschaft ein gerüttelt Mass an Motivation erforderte. Dr. Arkadasch scheute sich daher bewusst nicht, selbst an den heissesten Stunden des Tages mit Hand an zulegen und eingehüllt in Staub und Schweiss für sämtliche an der Grabung beteiligten Kräfte als Vorbild zu wirken. Nur wer selbst weiss, was zu leisten ist, kann einen derartigen Einsatz auch von seinen Mitarbeitern nachhaltig einfordern.