Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 15

Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 15

Wohl für keine Forscherin und keinen Forscher werden die eigentlichen Augenblicke des Entdeckens, der Findung jemals zur Routine werden! Es ist vielmehr jedes Mal aufs Neue ein Gefühl unbeschreiblicher Spannung, wenn sich zuerst einmal die Anzeichen mehren, dass man wirklich vor einem Fund stehen könnte. Jene Minuten oder auch Stunden, Tage, (man denke nur an Carter und seine Entdeckung des Grabes von Tut-Ench-Amun) oder auch Wochen und Monate die bis zur endgültigen Gewissheit vor einem wissenschaftlich unbekannten Artefakt zu stehen, vergehen, sind einerseits von einer ungeheuren Euphorie gekennzeichnet, weisen aber andererseits immer wieder Phasen des Zögerns, des Zauderns, der aus der bohrenden Ungewissheit resultierenden Fragestellungen auf, welche insgesamt zu einem beinahe – es wäre nicht das erste Mal, dass sich an einer wissenschaftlichen Expedition Beteiligte der Obhut eines neurologisch und psychiatrisch geschulten Mediziners anvertrauen müssen – als „manisch“ zu bezeichnendem Verhalten führen können. Gerade bei länger anberaumten Grabungen obliegt es ganz wesentlich der Leitung hier mit Fingerspitzengefühl zwischen dem motivierenden Feuer der Euphorie und den resignativen Talsohlen der allgemeinen Befindlichkeit auszutarieren um einerseits weder die Erwartungen ins Unerfüllbare wachsen zu lassen, und andererseits nicht die Grabung durch generelle Lethargie und schleichenden Missmut zu gefährden.

Natürlich hatte sich der Fund des „Innti“ im Jahre 1982 auch unter den eingeborenen Hilfskräften herumgesprochen. So was lässt sich nicht vermeiden und soll auch nicht vermieden werden. Schliesslich liegt die Fundstelle des „Innti“ nur ca. 47 km von der Grabungsstelle hierorts entfernt und steht sowohl vom Selbstverständnis der indigenen Bevölkerung als auch vom guttural-verbalen-Konnex und den tradiert gewachsenen Sitten und Gebräuchen (vom säkularen bis hin zum religiösen Bereich) in einem sowohl emotionalen als auch –soweit hier überhaupt argumentativ diskutiert werden kann – ethnisch-historischem Zusammenhang. Doch so wie an dörflichen Ackerrainen die bäuerliche Bevölkerung beinahe heute noch zu Blutfehden fähig ist, wenn es um die Besitzstandsnahme von einer strittigen Bodenfurche geht, umgekehrt jedoch jeder „Fremde“ vor einer scheinbar geschlossenen Phalanx von eingeschworenen „Blutsbrüdern“ steht, so hat hier in Tirol selbst der sinnlosest scheinende Wettbewerb der Gemeinden und Orte untereinander einen derart verselbstständigten Charakter, dass Dr. Arkadasch und sein Team „Wipptal“ oftmals nur mehr ungläubig ihre Köpfe schüttelten, wenn sie feststellen mussten, mit welch nahezu ideologischem Eifer die „Wipptaler“ ihren eigenen humanoiden Fund unter allen Umständen zu finden hofften.

metallene minituren, wipptal 1984, dr. arkadasch, arteologieSo kannte die Freude und Genugtuung aller vorerst kaum Grenzen, als dieser erste Fund einer metallenen Miniatur freigelegt wurde. Auch das Leitungsteam teilte in seiner Weise diese Euphorie, hatten doch weder Dr. Arkadasch noch die sonstigen Teilnehmer des Expeditionskorps mit einer derart raschen Auffindung eines so aussergewöhnlichen Artefakts gerechnet. Alle Vermutungen waren dahingehend, dass zum grösstenteil keramoide Fundstücke von Alltagsgebrauchsgegenständen, sowie dem transalpinen Warenverkehr zurechenbare Materialfundungen das Gros der arteologischen Grabungsfunde darstellen würden, gleichwohl nahezu eine jede schluchtartige Talenge generell natürlich häufig mit Kultplätzen und dem Kult dienenden, tempelhaften Bauten bewusst eine mystisch-religiöse Verortung erfährt.

metallene miniaturen, wipptal 1984, arteologie, dr. arkadaschOb es sich bei den vorgefundenen Miniaturen um Artefakte in einem kultischen Sinn handelt, werden erst die weiteren Untersuchungen zweifelsfrei belegen können.  Vorerst galt es  nun, diese Funde in bewährter Manier vor unsachgemässer Handhabung durch eingeborene Hilfskräfte zu schützen und im arteologischen Standardverfahren zu bergen. Dr. Arkadasch eilte umgehend nach dem Bekanntwerden dieser Fundung zur Grabungsstelle, beorderte sämtliche Hilfskräfte aus der Grube, liess diese in einem Umkreis von fünf Metern absperren und befahl sämtlichem Grabungspersonal vor Ort zu erscheinen. In den abgezäunten Bereich durften nur die Mitglieder des Teams „Wipptal“, auch wenn sich unter den um die besten Plätze sich drängelnden einheimischen Hilfskräften das eine oder andere Murren erhob. Dr. Arkadasch verstand es jedoch in seinen Erläuterungen den Beitrag der eingeborenen Hilfskräfte derart mit einzubinden, dass sich allmählich Neugier und Bewunderung unter den Hilfskräften breitmachten, als sie miterleben durften, mit welcher Präzession und Akribie das Team „Wipptal“ diese Miniaturen barg.

Die Sympathie, oder zumindest ein positives Wohlwollen gegenüber den Arbeiten der Expedition durch die einheimische Bevölkerung zu erreichen und zu erhalten, ist mit einen unabdingbare Voraussetzung für einen weiteren gedeihlichen Verlauf – vor allem in Hinblick auf folgende, mögliche Funde.