Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 19

Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 19

Beide metallenen Miniaturen wurden nach ihrer vorschriftsmässigen Bergung mittels klimatisierter Transportbehältnisse in die Grabungszentrale nach Innsbruck verbracht und dort einer generellen Reinigung sowie korrosionsschützender Konservierung unterzogen. Zudem wurden sämtliche dieser Verfahrensschritte bildnerisch und textdokumentarisch erfasst, um die lückenlose Nachvollziehbarkeit fürderhin zu gewährleisten. Jeder arteologisch, wissenschaftliche Anspruch bedingt aus sich heraus die Garantie einer forschenden Verifizierung und Falsifizierung, welche selbstverständlich internationalen Kriterien einer fächerübergreifenden Gesamtschau standzuhalten hat.

Unter der Leitung von Dr. Arkadasch wurde der namhafte Historiker Bernd von Wädenswil (Institut für Transportdynamik, TH Zürich) eingeladen, einer ersten arteologischen Analyse beizuwohnen und eine Grundlagenbeforschung der beiden metallenen Miniaturen vorzunehmen. Folgende Ergebnisse wurden dabei erzielt:

 

1.     Beide metallenen Miniaturen stehen in einem direkten inneren und kontextualen Zusammenhang der sich sowohl von ihrer äusseren Gestaltung her, als auch ihrer Verwendbarkeit her belegen lässt.

1.1.        Im historisch-architektonischen Verfahren kann ausgeschlossen werden, dass es sich bei der Fundstelle um eine familiäre, häusliche Niederlassung gehandelt hat. Vielmehr implizieren die Parameter der Fundstelle, dass hier definitiv eine kultische Komponente zugrunde liegt: entweder eine Art Gebetsnische oder altarähnliche, künstlich mit Steinmaterial aus der direkten Umgebung erbaute ideologische Gedenkstätte mit kultischer Verortung.

1.2.        Die detaillierte und ornamentale Ausgestaltung der beiden metallenen Miniaturen belegt eine Wertigkeit fernab jeder Alltagsverwendung im praktischen Sinne. Dies bezeugt auch das gänzliche Fehlen von Gebrauchsspuren jeder Art. Die Zuordnung zu traditionellen Ritualisierungen erscheint zwingend.

2.    Das Wipptal mit dem Brennerpass-Übergang als am wenigsten hochgelegene Nord-Süd-Verbindung im Bereich der tirolerischen Alpen war und ist generell als transale Route von bevölkerungstechnischen Wanderbewegungen und des internen kontinentalen Waren- und Güteraustauschs von historischer Bedeutung.

2.1.        In arteologischer Zeit (und hocharteologischer Zeit) bedingte die Aufrechterhaltung einer derartig wichtigen wirtschaftspolitischen, transalen Route zum einen speditativen Unternehmergeist der ansässigen Bevölkerung (Aufrechterhaltung des Wegesystems, persönliche Sicherheit der Reisenden, Versorgung der Routenbenützer im Hinblick auf Nahrung, Verpflegung von Zugtieren [in der hocharteologischen Zeit], Unterkunftsgestellung und Wahrung der eigenen Sicherheitsbedürfnisse bis hin zur Abwehr von okkupativen Bestrebungen von aussen) zum anderen aber auch die Aufrechterhaltung der eigenen indigenen Vergemeinschaftung durch bewusste Traditionalisierungen und religiöse Ritualisierungen.

2.2.        Jede Kontaktierung mit anderen wirtschaftlichen, kulturellen und/oder religiösen Systemen, wie sie zwingend durch Waren- und Güteraustausch erfolgt, führt bei längerfristig lokal verortbaren Gemeinschaften zu einem gruppendynamischen Bewusstseinsprozess, welcher die gruppeneigenen spezifischen Charakteristika als Idealbild manifestiert und umgekehrt alle Einflüsse von aussen a priori als „fremd“ definiert.

3.    Der Schutz der Gemeinschaft vor unerwünschten äusseren Einflüssen unter gleichzeitiger wirtschaftlicher (und kultureller) Nutzung, welche sich aus der geplanten Betreibung und Bewirtschaftung von transalen Routen ergibt, führt langfristig zu gegenseitiger Beeinflussung, welche letztendlich in assimilativen Erscheinungsformen (Verwendung von Ornamenten, Übernahme von Werkzeugen und ihrer Verwendung, veränderte Sitten und Gebräuche bis hin zu religiöser Interkonfessionalität).

3.1.        Beide metallene Miniaturen stellen eine Weihegabe für das gute Gelingen eines alpenüberschreitenden Warenaustausches dar. Die gelbe Grundfarbe beider Miniaturen weist auf die Anrufung solar titulierter Gottheiten hin: auf die Bitte um schönes Wetter während der Alpenüberquerung. Die Beschriftungen der beiden Transporteinheiten stehen wohl in direktem Zusammenhang zur beförderten Fracht und stellen wohl auch eine Art von ideellen Obolus für die erlaubte Trassenbenutzung dar (Zoll) – wobei hier gesondert der damalige hohe Wert einer Weihegabe aus Metall angeführt werden muss.

3.2.        Vom Gestalterischen her können beide Miniaturen dem mittelitalienischen Raum zugeordnet werden; vergl. hiezu entsprechende Funde im Raum von Ravenna und Florenz. Umgekehrt konnte bisher noch keine „wipptalerisch“ spezifische Fundverortung südlich der Alpen festgestellt werden.

3.3.        Der Austausch zwischen transalen Reisebewegungen und lokal verorteter Bevölkerung war somit ein einseitiger und kann – unter Berücksichtigung bisheriger arteologischer Erkenntnisse – als typisch für den Tiroler Raum angesehen werden.

4.    Eine gesamtarteologische Kontextualisierung kann erst mit Abschluss der arteologischen Grabungen durch das Team „Wipptal“ erfolgen.