Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 23
Selbst wenn im Regelfall einer jeden Fundung klare Vorabrecherchen und Analysen zugrunde liegen, so bedarf es dennoch immer wieder des durchaus spannenden Moments des Zufalls, des Glücks, wenn tatsächlich im Gebiet einer Grabung nicht nur die erwarteten Artefakte ans Licht gebracht werden, sondern wenn zudem wirkliche, wissenschaftliche Sensationen ausgegraben werden. Freilich ist die Redewendung vom „Glück“, vom „Zufall“, wie sie in derartigen Fällen selbst von renommiertem wissenschaftlichen Personal gerne im Mund geführt wird, nichtsdestotrotz ein nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit stattfindendes Ereignis, welchem eben mit fundierten Vorarbeiten wesentlich „nachgeholfen“ werden kann.
Der „Zufall“ als solcher, kann hier bei der Entdeckung des humanoiden Fundes vom 12. September 1984 nicht direkt in Anspruch genommen werden, da nicht nur Dr. Arkadasch, sondern auch die Anthropologin Frau Dr. Sudanavesi bereits während der vorbereitenden Studien von einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit von humanoiden Funden ausgingen. Allerdings – und hier ist sehr wohl von einer arteologischen Sensation zu sprechen – vermutete wohl niemand, dass auch hier im Wipptal wiederum ein multimolekularer, biomumifizierter Fund vorzufinden wäre. Eine vollständige rechte Hand wurde in der Zone III des Ausgrabungsgeländes entdeckt. Dies war und ist umso mehr verwunderlich, als dass diese Ausgrabungszone fast ausschliesslich im ufernahen Bereich des Flüsschens Sill liegt, und zwar im Schwemm- und Überlaufgelände am direkten Boden dieses V-Tales, welches in seiner Ost-West-Ausdehnung hierorts durchaus als schluchtartiges Geländeeinschnitt bezeichnet werden kann. Es war wohl den vorangegangenen Starkregen während der sommerlichen Gewitter und dem damit einhergehenden hochwasserartigen Strömungsverhalten des Sillflüsschens zu verdanken, dass zahlreiche in der Vergangenheit angeschwemmte und/oder durch Hangerosionen aufgetragene Bodenschichtungen durch die Wasserführung des Gewässerlaufes abgetragen wurden und so die unteren, grabungsrelevanten Schichtungen freigelegt wurden.
Am früheren Vormittag des 12. September 1984 plante ein Grabungsteam im Sektor drei (welcher aufgrund seiner talbödigen Lage als letzter für Sicherungs- und Drainagierungsmassnahmen vorgesehen war) die letzten Oberflächengerinne zu fixieren und mittels vorhandenem Schwemmgut diesen gegen weitere Überflutungen flussseitiger Art und vor aquativen Abrutschungen hangseitig zu schützen. Dieses Grabungsteam bestand aus vier Studierenden und fünf eingeborenen, männlichen Hilfskräften, da die grobschottrige und stark von Geröll durchsetzte Uferfläche nur mittels kräfteraubendem körperlichen Einsatz arteologisch gesichert und urbar gemacht werden konnte. Bereits die ersten Vorbereitungsarbeiten legten im westlichen Bereich der Grabungszone drei, direkt unterhalb eines mannshohen Findling aus Dolomit den humanoiden Fund frei. Diese rechte Hand lag mit leicht gespreizten Fingern, weggestrecktem Daumen und der nach unten gedrehten Handfläche in einem Bett aus wachteleiergrossen Kieseln, welche aufgrund ihrer runden Ausformung als typisch für natürlich verlaufende Flussstrukturen zu betrachten sind. Diese Kiesel sind sämtliche dem geologischen Material des Flussverlaufes zuordenbar und weisen in ihrer Mineralstruktur keinerlei Bezüge zu nichtterritorialen Gesteinsvorkommnissen auf. Zudem gibt es in der Anordnung der Kiesel und der dazwischen eingeschichteten, aber in ihrer Menge unrelevanten Sande keinerlei Hinweise auf von Menschen geplante Geländeeingriffe, respektive gar von Überresten irgendwelcher Baumassnahmen. Die Fundstelle mitsamt ihrem Fund entspringt daher einem naturhaften Ereignis und ist weder auf besiedlungstechnische Prozesse oder sonstige nichtnaturhafte Massnahmen zurück zu führen. Dies belegen auch die nachfolgenden systematischen Grabungsarbeiten in Grabungssektor drei, welche keinerlei weiteren Funde – weder Keramiken noch metallene Miniaturen – zeitigten. Es ist wohl dem hohen Kalkanteil des umgebenden Gesteins zu verdanken, dass Verwesungsprozesse hintangehalten wurden und es die permanente Hydratierung (das Flüsschen Sill ist auch in den Wintermonaten wasserführend, selbst wenn die direkte Oberfläche durch starken Frost mit einer mannstragenden Eisschicht abgeschlossen ist) zu einem Ausschluss von Sauerstoff führte, welche nach dem „Muster“ von „Moorleichen“ zu einem Erhalt des organischen Materials führte.
Gleichwohl die Aufregung sofort sehr gross war und sämtliche Mitarbeiter und Hilfskräfte umgehend an den Sicherungsgeländern und Seilen zum Fundort abstiegen, glaubte beim ersten Anblick kaum jemand, dass es sich hier um die Auffindung eines arteologischen Sensationsfundes handelte, vielmehr überwog die Frage, ob diese rechte Hand nicht ein Relikt aus jüngerer Zeit darstellen könnte, welche einem Verkehrsunfall oder aber ein der Zeit des Zweiten Weltkrieges zuzuordnen sei.