Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 27

Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 27

Die Sperre des Grabungsgeländes für jeglichen Besucherverkehr brachte den Vorteil mit sich, dass die tatsächlichen grabungsarbeiten ohne weitere, der Öffentlichkeitsarbeit geschuldeten Störungen vonstattengehen konnten. Gleichwohl waren Dr. Arkadasch als auch Dr. Sudanavesi in dieser Zeit vorwiegend in der Grabungszentrale in Innsbruck gebunden um dort unter anderem die Einschulungen der Guides vorzunehmen und anderseits die wissenschaftlichen Beforschungen am humanoiden Fund des „Wippi“ zu koordinieren und zu leiten. Hierbei zeigte sich einmal mehr wie wichtig in der modernen Forschung das Teamwork ist: denn ohne die perfekte und uneigennützige Arbeit sämtlicher im Team „Wipptal“ beteiligter Kräfte (eine Internationalität die aus sieben verschiedenen Staatszugehörigkeiten besteht) ist eine einzig dem Forschungsziel zugewandte Werksorientiertheit ohne persönliche Eitelkeiten oder gar nationale Einflussnahmen (durch die entsendenden Universitäten und deren Geldgeber im Hintergrund) schier verunmöglicht. Diese Tatsache – und das kann generell nicht genug betont werden – widerspricht dem landläufigen Vorurteil, dass die Wissenschaftler per se wie scheuklappenbehaftet in ihren abgeschlossenen Kämmerleinen vor sich hin forschen, ohne jeglichen Kontakt nach aussen oder gar zu Kollegen innerhalb der Forschergemeinde. Die moderne Arteologie, wie wohl die moderne Wissenschaft insgesamt, ist auf diesem Gebiet ein Musterbeispiel der ressentimentlosen Zusammenarbeit über kulturelle und traditionelle Grenzen hinaus, welche sich weder durch ideologische Dogmen noch durch quasireligiösen Fundamentalismus einschränken lässt. Die Formung, die interne als auch die externe Gestaltung dieser Zusammenarbeit würde wohl genügend beeindruckendes Material für eine eigenständige soziologische Beforschung bieten!

Neben einigen interessanten keramoiden Funden aus der prae-arteologischen Epoche und der arteologischen Epoche sind wohl die im obersten Abschnitt vorgefundenen Trockenmauerreste (hocharteologische Epoche) nicht nur vom arteologischen, sondern auch vom archäologischen Gesichtspunkt aus bemerkenswert. Insbesondere die Bearbeitung der Steine, welche ausschliesslich dem geologischen Material des umliegenden Zentralalpenmassivs zuordenbar sind, zeugt von schlüssigen Querverbindungen zur arteologischen Steinmetztradition, wie sie in nahezu identer Weise auch im Südalpenbereich von Trento bis ins Obere Engadin vorzufinden ist. Die breitfundamentierten Mauern ruhen in einem künstlich vorgeschotterten Frostkoffer, welcher neben hervorragenden Sickerfunktionen auch eine innerstatische Relevanz zu terrestischen Verschiebungen im Oberflächengefüge aufweist, die insgesamt für eine dauerhafte Beständigkeit von grösster Bedeutung ist. Aus architektonischer Sicht gilt als epochentypisch die akribische Sorgfalt im Bereich der Materialbearbeitung und der mauertechnischen Schichtung, welche zum einen zu einer in sich ruhenden hohen Tragfähigkeit des Mauerwerks führt und zum anderen durch den Verzicht auf Bindemittel (Kalkmörtel und kalkhaltige Mörtel) der Zersetzung durch Feuchtigkeit (Wasser, Regen, Schmelzwässer und Luftfeuchtigkeit) eine sehr Hohe Dauerbeständigkeit entgegensetzt. Der Vergleich mit anderen Funden aus dieser Epoche welche im gesamten mitteleuropäischen Raum beforscht wurden, zeigt, dass hier im Wipptal – wohl auch auf Grund der besonderen verkehrstechnischen Situation der transalen Bewegung von Warenströmen und Bevölkerungsgruppen – diese Art der Trockenmauerung zu ihrer Höchstform gefunden hat.

wipptal, 1984, kultobject, arteologie, dr. arkadaschAm 28. September 1984 wurde im Zuge der weiteren systematischen Grabungsarbeiten der nächste arteologisch bedeutsame Fund ausgegraben, der besonders aus der Sicht einer kontextualen Analyse, im Verein mit den Funden des Teams „Inntal“ aus dem Jahre 1982 zu einer neuen Sichtweise der Traditionsgenese im Alpenraum führt. Es handelt sich dabei um zwei metallene 8 cm grosse, flache Fundstücke, die in ihrer morphologischen Funktionalität eindeutig dem Kultobject 1 aus der Grabung „Inntal“ thematisch zuordenbar sind. Dies zeigt, dass bereits in der prae-arteologischen Zeit tatsächlich von einer intrinsichen, gegenseitigen Beeinflussung (sei sie nun als geplant oder gewohnheitsmässig zu betrachten) ausgegangen werden muss, welche den direkten lokalen Bezug aufhebt und die soziale Vernetzung über den eignen direkten Wirkungskreis hinaus eindeutig belegt.