Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 27/3

Wipptal, August – September 1984, Ausgrabungsprotokoll 27/3

Die schriftsymbolischen Gravuren auf der Vorderseite des Griffstückes sind auf einer, dem eigentlichen Griffstück identen Länge von 3,10 cm angebracht. Es ist umstritten ob es sich bei diesen Zeichen tatsächlich um alphabetale, buchstabenartige Zeichen handelt, oder ob wir es hier vielmehr mit einer piktoralen Symbolik zu tun haben, welche in direktem Bezug zum Kultobjekt selbst und/oder seiner zeremonialen Verwendung steht. Die arteologische Wissenschaft tendiert hier zur letzteren Meinung, umso mehr, als diese piktorale Symbolik bisher nirgendwo in vergleichbarer Weise vorgefunden wurde – abgesehen von den ornamentalen und piktoralen Schmückungen, welche sich auf den bei der Grabung „Inntal2 vorgefundenem Kultgefäss wiederfindet. Jedoch stärkt wiederum genau diese Zuordenbarkeit die Theorie einer insgesamten kultischen Vernetztheit, welche über Ritualisierungen und tradierte Handlungsabläufe zu innerhalb einer Gesellschaft eigenständigen Handlungsmustern führt, welche ausschliesslich nichtsäkularen Obliegenheiten vorbehalten bleibt.

kultobjekt 1, detail. schriftzug, wipptal 1984, arteologie, dr. arkadaschDie am Ende der schriftsymbolischen Gravur befindliche Bohrung mit einem Durchmesser von 56 mm weist keinerlei Gebrauchsspuren auf. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass diese Bohrung (welche bei beiden Fundstücken sowohl von der Platzierung als auch vom Durchmesser her ident ist) einer alltagspraktischen Verwendlichkeit zuordenbar ist und der Aufbewahrung in einer hängenden Form diente. Es wird daher diese Bohrung nicht in die Längenmessung des eigentlichen Griffstückes mit eingerechnet, da sie in ihrer Funktionalität einer gänzlich anderen Handhabungsabsicht entspricht.

Die schriftsymbolische Gravur wird in dieser Analyse in unserer gewohnten Lesrichtung von rechts nach links besprochen. Es gilt aber der immanente Hinweis, dass die eigentliche Bedeutung durchaus auch einer umgekehrten Lesrichtung entsprechen könnte. Gleichwohl ist dem theoretischen Ansatz von Symbolistikern durchaus ein interessanter Zugang zu zugestehen, welche aufgrund der zahlreichen nach rechts hin nicht abgeschlossenen waagrechten Strichmengen, von einer hohen Wahrscheinlichkeit einer von links nach rechts ausgeführten Symbolreihe ausgehen.

Die schriftsymbolische Gravur selbst besteht aus zehn Zeichen, wobei sich zwei Zeichen einmal wiederholen, wenn auch nicht in einer identen Reihenfolge.

Das zweite Symbol – es könnte einen Berg, eine Spitze darstellen – wiederholt sich in vollkommen identer Form an der drittvorletzten Stelle und die beiden darauffolgenden Symbole stellen die nächste, die zweite Wiederholung dar, welche zugleich den Abschluss (oder auch Anfang) dieser Symbolreihe bilden. Inwieweit diese Wiederholung einer inhaltlichen Verstärkung einer dargestellten Information dient, lässt sich zum derzeitigen Stand der arteologischen Forschungen nicht mit Sicherheit sagen.

Alle zehn Symbole sind in ihrer gestalterischen Form gleichartig dargestellt, und zwar in einer grundrissartigen Gestaltung ohne zusätzliche innenliegende Bearbeitung. Die überwiegende Darstellung der Symbole bedient sich einer Verwinkelung von 90°, welche – im Bezug auf die Grund- und Oberlinie der Gravur betrachtet – auch beim halbrunden Symbol und den spitzwinkeligen sowie mischgeformten Symbolen vorzufinden ist.

Die enge Abstandsführung der Symbole zueinander weist auf eine beabsichtigte Schaffung eines lokalen gegenseitigen Bezugs hin, wie er späterhin in klarer Weise für die Nutzung von Buchstabenschriften sinngebend genutzt wird.

Die Gravur selbst wurde in äusserst feiner Art und Weise ausgeführt und beweist die hohe Fertigkeit der kunsthandwerklichen Tradition jener Zeit. Sie ist nirgendwo tiefer als 0,3 mm und weist eine Breite von 0,1 bis 0,2 mm auf. Zudem wurde die Gravur entspant und entgratet. Inwieweit noch farbliche Füllungen zur Verwendung kamen, konnte selbst bei der metallurgischen Untersuchung nicht einwandfrei nachgewiesen werden.