Arteologische Kontextbefundung, Grabung “Wipptal”, Bearbeitungsstatus: Ende Oktober 1984
Arteologische Kontextbefundung der fundrelevanten Grabungsergebnisse der Grabungsstelle „Wipptal“, Team „Wipptal“; Bearbeitungsstatus: Ende Oktober 1984.
1. Primäre Gesamtsichtung der inhumanoiden Artefakte in Bezug auf besiedlungstechnische und habitatsimmanente arteologische Strukturen:
Die Funde der Grabungsstelle „Wipptal“ lassen sich in vier Kategorien einteilen:
1) keramoide Funde
2) metallene Miniaturen
3) besiedelungsrelevante architektonische Fragmente, und:
4) humanoide Funde
Während bei den keramoiden Funden eine deutliche transale Einflussnahme, rückzuführen auf die infrastrukturelle Bedeutung des Brennerpasses als relativ leicht zu überschreitende und nutzbare Nord-Süd-Verbindung, festgestellt werden kann, ist bei den metallenen Miniaturen sowohl im Bereich der Verarbeitung als auch der Motivwahl und –gestaltung eine indigen nachvollziehbare, lokale Entwicklung eindeutig verortbar, auch wenn hierbei generell von einer stetigen Beeinflussung durch die regelmässige Kontaktierungen mit Händlern, Reisenden und gruppierenden Wanderbewegungen (vgl. „Die Wanderbewegungen der alpinen Völkerschaften in der beginnenden Bronzezeit“ von Dr. Ilona Nszögyr, Universität Budapest, Verlag Arpad, 1978) ausgegangen werden muss, welche sich sowohl in der Materialbearbeitung als auch im gesamtästhetischen Ansatz niederschlugen.
Die Gesamtfundstruktur belegt, dass wir besiedelungstechnisch bereits von einer tradierten Sesshaftigkeit ausgehen müssen, welche ihre wirtschaftlichen Grundlagen neben Ackerbau, Viehzucht und ersten Ansätzen handwerklicher Spezialisierungen (metallene Miniaturen, Kultgefässe…) auch über die merkantile Nutzung verkehrstechnisch bedingter Dienstleistungen absicherte. Insbesondere die besiedelungstechnischen, architektonischen Fragmente aus Strassenbau, Trassierung und verkehrsbedingten Gebäudeerstellungen (Beherbergung von Mensch und Tier, Opfer- und Kultstätten…) zeigen starke Ähnlichkeiten mit gleichartigen Bauten und Werken aus dem gesamten ostalpinen Raum.
Gerade diese uneigenständigen, reproduktiven und nur in wenigen Ansätzen als originär zu bezeichnenden Verarbeitungsmodi im handwerklichen Bereich müssen als spezielles Erkennungsmuster bewertet werden. Sowohl in der Be- und Verarbeitung von Metallen als auch Keramiken zeigt sich eine permanente Opportunität der jeweiligen ortsansässigen Bevölkerung in Hinblick auf Einflüsse von aussen, wobei diese sowohl in assimilierter als auch von oktroyierter Form auftreten können. Die Anpassung der jeweiligen Formensprache (von kindlich-naiven Ritzmustern bis hin zu miniatürlichen Verkleinerungen) zeugt von einer eher schwach ausgeprägten Eigenständigkeit, welche sich wiederum umgekehrt in einer widerstandsarmen Übernahme von fremden Einflüssen und kultischen Traditionen manifestierte.
Diese generelle Anpassungsfähigkeit impliziert zwar die Bereitschaft der Aufgabe eigener Traditionen und Sitten, garantiert anderseits aber gleichwohl das eigene Überleben in wirtschaftlicher und biologischer Hinsicht. Die Frage, ob es sich hierbei um eine Form soziologischer Gemeinintelligenz handelt kann abschliessend noch nicht beurteilt werden.
2. Arteologische Befundung des humanoiden Fundes der Grabung „Wipptal“:
Auf Grund des arteologischen und archäologischen Rahmengefüges, in welchem das humanoide Fundstück „Wippi“ (so sein populärwissenschaftlicher Name, der mittlereile auch in Fachkreisen seine eindeutige Zuordenbarkeit besitzt) entdeckt wurde, ist nachweislich davon auszugehen, dass es sich bei dieser rechten Hand um die Extremität einer vor Ort ansässigen, erwachsenen Person gehandelt haben muss.
a) Diese rechte Hand ist auf Grund ihrer Beschaffenheit und anatomischen Merkmale eindeutig dem indogermanischen Typus zuordenbar.
b) Die molekularen Analysen verorten diesen Fund nachweislich im Habitat des nordtirolerischen Wipptals. Eine ausseralpine Herkunft kann definitiv ausgeschlossen werden. Es finden sich jedoch Hinweise auf mehrere Insperminationen, welche in ihren Spuren genetische Rückschlüsse auf Vermischungen mit Bevölkerungsgruppen aus dem norditalienischen als auch dem süddeutschen Raum aufweisen.
c) Es kann somit nicht von einer arteologischen, merkmaltypischen Stammbevölkerung im Wipptal gesprochen werden.