Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 3
Im beigefügten Bild kann die genaue Verortung der Fundstelle nach Längen- und Breitengraden nachvollzogen werden:
Unter Berücksichtigung dieser Topografie der Fundorte im Süden von Innsbruck ergeben sich einige interessante Ansätze:
1. Die – zumindest teilweise – Besiedelung der Seitentäler welche in die von der Natur vorgegebene Nord-Südverbindung über den Brennerpass einmünden, erfolgte im Wesentlichen relativ zeitgleich bzw. zeitähnlich der besiedlungstechnischen Inbesitznahme dieser Talschaften.
2. Es kann dabei nicht zu hundert Prozent davon ausgegangen werden, dass es sich bei all diesen Siedlungsmassnahmen um dauerhaft bewohnte Objekte innert einer soziologisch sich zusammengehörig fühlenden Gruppe gehandelt hat. Besonders die Bewirtschaftung der alpinen Flächen mit dem Schwerpunkt auf einer (über lange Zeit wohl ausschliesslich nomadenhaften) viehzüchterischen Komponente (Fleischbevorratung aber auch [Eigen-] Versorgung mit Milch, Milchprodukten und Wolle) hat bis heute ihre Tradition einer festwohnsitzlosen, sommerlichen Produktionsweise nicht verloren. Ab Ende Juni ziehen noch immer die Hirten und Käseverarbeitungsfachkräfte (im einheimischen Jargon „Kaser“ oder auch „Senner“ genannt) mit den, den Erfordernissen der modernen Zeit und der Nachfrage auf dem Nahrungsmittelsektor entsprechenden schwerpunktsetzenden Artentsprechungen in der Viehhaltung (so werden heute vorwiegend Rinder gezüchtet, die Schaf- und Ziegenhaltung fristet in Nordtirol nunmehr ein Nischendasein) auf die umliegenden Bergweiden, wobei hier zuerst der im überwiegenden Masse fussläufig stattfindende Viehtrieb die in mittleren Höhen befindlichen Almwiesen zum Abweiden vorsieht und erst mit Juli/August die tatsächlichen, teils über der Baumgrenze liegenden versteppten Graslandschaften genutzt werden. Bemerkenswert dabei ist die Tatsache, dass hierbei strenge Sitten und Gebräuche gelten, welche in ihrer Archaik einen tiefen Rückschluss auf tradierte, verbale Überlieferungen memorieren.
3. Es gilt somit, dass aus arteologischer Sicht von einer permanenten transalen und insistalen Verschränkung der bevölkerungstechnischen Besiedelung ausgegangen werden muss, welche einerseits sowohl zu einer genetischen als auch soziologischen Bereicherung der Bevölkerung vor Ort führte, andererseits aber im Laufe der Generationen unbedingt zu einer artifiziellen Notwendigkeit einer genealogischen Scheineigenständigkeit führen musste, welche ihren Niederschlag in einem überdurchschnittlich hohen Streben nach einem gemeinsamen Gefühl von Nationalität seinen Ausschlag fand, welcher wiederum vice versa sich in einer innerlichen Abschottung und einer damit verbundenen rigorosen, geistigen Selbstbeschränkung manifestierte.
Die vermeintliche Kompexität der nordtirolerischen humanoiden Entwicklung bedarf somit einer gründlichen Untersuchung sämtlicher transaler und insistaler Wanderbewegungen von Kleingruppen, Clans, Stämmen und Völkerschaften, um so tatsächlich aus jener Mischkulanz, die heute als originär gewachsene Eigenständigkeit verstanden und auch gelebt wird, den inhomogenen Charakter der Tiroler Bevölkerung insgesamt nachvollziehbar zu machen. Dies entspricht auch weitestgehend den heute gelebten Gepflogenheiten im matrimonialen Sinne, wenn auch gleichzeitig angemerkt werden muss, dass diese heutige Vorgangsweise von Fremdeheschliessungen mit nicht zum eigenen Kernbereich der Bevölkerung gehörenden Partnern in erster Linie auf die Einflüsse des modernen Fremdenverkehrs zurück zu führen ist.
Umgekehrt zeigen besonders die Quellen um das auslaufende 19.Jahrhundert deutlich auf, wohin infrastrukturelle Abgeschiedenheit, gepaart mit wirtschaftlicher Armut und Rohstofflosigkeit bevölkerungstechnisch hinführen: inzestiöse Verpaarungen mit daraus resultierenden Häufungen von Behinderungen, Schwachköpfigkeit und überdurchschnittlich ausgeprägter Kropfbildung begleiteten über Generationen die humanoide Arterhaltung in den nordtirolerischen Seitentälern (vgl. Gustav von Seitringer, „Inzucht und die intelligenzmässige Minimierung einer Talschaft“, Universität Padua, 1932).