Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 4

Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 4

Auf Grund der klimatischen und topografischen Bedingungen muss davon ausgegangen werden, dass ein autarkes Leben ohne jegliche Zuführung von technischen Hilfsmitteln und Produkten des täglichen Bedarfs von ausserhalb, speziell in den abgelegenen Seitentälern nur auf einem äusserst rudimentären Niveau möglich war und ist. Der gesamte nordtiroler Raum fusst in seinen tiefsten lagen bei 495 m ü.M. (Messpunkt Kufstein, östliche Grenzstadt im Inntal zur Bundesrepublik Deutschland), wobei insgesamt selbst im gesamten Verlauf des nordtirolerischen Inntals eine durchschnittliche Talbreite (die in etwa dem heutigen agronomen Bebauungsgebiet und Besiedelungsgebiet weitestgehend entspricht) von 2 km nicht überschritten wird, und erreicht in Landeck (der westlichsten Stadt im nordtirolerischen Inntal, Einwohnerzahl um die 7000) eine Seehöhe von bereits 816 m ü. M.. Bis Landeck verläuft das Inntal in ungefährer West-Ost-Richtung, von dort aber zweigt das Inntal in südlicher Richtung ab, bis zum Reschenpass (1507 m ü. M.). Sämtliche Seitentäler des Inntals sind grösstenteils enge, ansteigende V-Täler, welche ihrer Formung nach dem glazialen Geschiebe der letzten Eiszeit mit zuordenbar sind. Es ist wohl diesem Umstand Rechnung zu tragen, dass aus den nördlich des Inntals gelegenen Kalkgebirgen der Talboden im Wesentlichen aus Schotterablagerungen (mit lehmigen und mergeligen Einschichtungen) besteht, welche wiederum erst eine Besiedelung in dieser Flusslandschaft ermöglichten, da ohne diese hydrophobe Geomorphologie das Inntal von starker Versumpfung und Moorbildungen (wie wir sie zum Beispiel auch im nördlichen Alpenvorland finden) geprägt wäre. Dies beweisen auch die mittlerweile nur mehr vereinzelt vorhandenen Bestände an Föhren (Pinus), einer immergrünen Lichtbaumart, welche meist in Gruppen auftritt und durch ihre Pfahlwurzeln prädestiniert auf schottrigen Untergründen wächst. Die heutigen, im gesamten nordtirolerischen Inntal anzutreffenden Schotterabbaue nutzen diese vorhandenen geomorphologischen Voraussetzungen extensiv.

ausgrabung stubaital, 1985, dr. lengauer, arteologie, dr. arkadaschVerkehrstechnisch wurden und werden derartige geomorphologische Strukturen schon immer eingebunden, denn sie bieten auf Grund ihrer Beschaffenheit eine relativ leicht zu be- und verarbeitende Basis für Trassierungen und Routenführungen. Dies zeigt sich in aller Deutlichkeit einmal mehr in den bereits angeführten transalen und insistalen Wanderbewegungen, welche auf der Nord-Südverbindung Brenner-Kufstein (und in vermindertem Ausmass wohl auch über den Reschenpass und den im Ausserfern befindlichen Fernpass) selbst in vorarteologischer Zeit nachweisbar sind (vgl. Jane Bradlink, „The Flow Of Migration in the Stone Age“, Manchester, 1967).

Im qualitativen Bereich von Migrationsbewegungen stellt insbesondere für das Wipptal und den Bereich des Unterinntales (von Innsbruck in Richtung Osten bis Kufstein) die personelle Mischkutanz mit Wanderbewegungen aus dem italienischen Raum insgesamt das Gros der Vermischungen in der hocharteologischen Zeit dar, wobei aber die Beeinflussung durch andere Populationsgruppen in lokal abgrenzbaren Bereichen zu einer weiteren, den Typus der tirolerischen Bevölkerung nachhaltig prägenden, assimilativen als auch okupalen Vermengung führte.

Dies zeigte sich bereits deutlich in den verschiedenen Artefakten, welche bei den Ausgrabungen im Inntal und im Wipptal vorgefunden wurden. Ohne diese ständige Beeinflussung, ohne diesen Austausch an Wissen, Material, Traditionen und auch genetischen Ressourcen wäre wohl der gesamte Alpenbereich, im besonderen aber der nordtiroler Raum ein reines Durchzugsgebiet geblieben, da aus den vorgenannten Begründungen eine dauerhafte Besiedelung als unmöglich zu betrachten ist. Dass zudem im Alpenraum keinerlei Hinweise auf eine eigenständige, einer Hochkultur entsprechenden Entwicklungen nachweisbar sind, unterstreicht diese Tatsachen sehr deutlich.