Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 5

Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 5

stubaital, 1985, arteologie, dr. arkadaschGerade aus einer permanenten Begegnung oder auch unfreiwilligen Konfrontation mit kultureller, soziologischer oder auch entwicklungstechnischer Andersartigkeit resultiert in restriktiv organisierten Gemeinschaften eine oftmals auf die eigenen Befindlichkeiten reduzierte Tradierung der normativen Wertigkeiten, welche sich im Laufe mehrere Generationen zu einem stark konservativ geprägten Eigenverständnis generiert, welches sich besonders charakteristisch in verschiedenen Tendenzen von Misstrauen gegenüber dem Fremdartigen bis hin zu bewusster Abschottung und Xenophobie äussert. Je strikter daher die moralischen Grundsätze in einer Gemeinschaft das Zusammenleben regeln und damit verbunden die Ahndung von vermeintlichen Verstössen gegen Normen und Sitten ahnden, umso grösser erscheint umgekehrt die Angst vor der Begegnung mit Neuem und Ungewohntem. Dies hat auf eindrucksvolle Weise die Soziologin T. Scarlet Tompson in ihren jahrzehntelangen „Forschungen zum Einfluss des Tourismus in den alpinen Landschaften Zentraleuropas“ nachgewiesen und dabei drei grundlegende Merkmale und Symptomatiken heraus gearbeitet:

1.    Je geringer der gesellschaftliche Mitbestimmungsfaktor eines Individuums, um so grösser die Bereitschaft der Anerkenntnis von hierarchischen Strukturen.

Die daraus resultierende Bereitschaft zu Gehorsam und rigoros verinnerlichter Disziplin führt zu edukativer Selbstbeschränkung, welche sich in autoritären Bildungsstrukturen und gruppenmystifizierenden Lehrvorgaben manifestiert.

2.    Diese intellektuelle Selbstbegrenzung führt zu einer nicht mehr hinterfragten Überhöhung der eigenen Gruppenwertigkeit und offenbart sich in weiterer Folge in negativen, nationalistischen Ausformungen der Gruppierung als solcher.

3.    Aus dieser inneren Geschlossenheit einer meist regional und auch soziokulturell eingegrenzten Gemeinschaft erwächst eine bewusste Abschottung mit gleichzeitiger offener oder auch versteckter Ablehnung gegenüber realen oder auch vermeintlichen Beeinflussungen von aussen. In den heutigen Tourismusgebieten des zentraleuropäischen Alpenbereichs führte dies zu einer Umkehr des Begriffes „Gastfreundschaft“. Aus „Gast“ und „Freund“ wurde innerhalb weniger Jahrzehnte der vorwiegend merkantil definierte Begriff des Fremdenverkehrs. „Fremd“ und „Verkehr“ stehen somit im Mittelpunkt der eigenen Erwartungen in der Begegnung mit Menschen anderer kultureller Sozietäten.

Speziell diese Begrifflichkeiten des „Fremdseins“ und des „Verkehrs“, also das permanente Vorhandensein von transalen und insistalen Wanderbewegungen, charakterisieren grundlegend die Thematik im Bereich der arteologischen Grundlagenforschung, wobei hier weiterführend von soziologischen oder auch anthropologischen Ansätzen das Hauptaugenmerk auf der artifiziellen Beeinflussung und einer damit verbundenen allochthonen Entwicklung gelegt wird, welche in Folge späterhin meist als eigenständiger autochthoner Prozess verstanden wird.

Die arteologisch, wissenschaftliche Forschung mit ihrer im Wesentlichen artefaktbezogenen Determinierung beforscht derartige Entwicklungsprozesse und trägt so wesentlich zu einem unvoreingenommenen Verständnis derartiger ethnologischer und soziokultureller Prozesse bei.

Gerade in einer bevölkerungstechnisch derartig inhomogenen Topografie, wie dem nordtirolerischen Besiedelungsraum, ist es unabdingbar aus der kleinstrukturellen Beschaffenheit der unterschiedlichen Besiedelungsgebiete der Seitentäler und des Haupttales (Inntal) die komplexe Gesamtverbundenheit aus arteologischer Sicht heraus zu arbeiten.