Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 6
Sowohl aus arteologischer als auch archäologischer Sicht ist jede Entscheidung für eine Grabung/für eine bestimmtes Grabungsgebiet auch gleichzeitig eine Entscheidung gegen ein oder mehrere andere Grabungsgebiete. Da weder den universitären noch den staatlichen oder gar privaten Forschungseinrichtungen unbegrenzte Mittel (an Geld, Personal und Anlagenressourcen) zur Verfügung stehen, ist besonders jede definitive Entscheidung für eine bestimmte Ausgrabung mit grösster wissenschaftlicher Sorgfalt zu treffen. Dennoch ist und bleibt jede Forschungsarbeit die sich mit verifizierbaren Beweismaterialien auf Grund von Ausgrabungen mit der Deutung, Beurteilung und dem übergeordneten Verständnis von Funden in einem themenspezifischen Kontext befasst, ein genereller Wettlauf gegen die Zeit.
Dies zeigte sich auch deutlich bei unserer Ausgrabungsstätte im Stubaital: als positive Prämisse muss hierbei angeführt werden, dass es einzig der aktiven Mitarbeit der eingeborenen Bevölkerung zu verdanken ist, dass überhaupt diese Fundstätte als solche identifiziert und einer arteologisch-wissenschaftlichen Bearbeitung zugeführt werden konnte. Das Hauptaugenmerk der Forschungsgruppe um Dr. Arkadasch lag bis dahin eindeutig auf den geografisch bedingten Hauptverkehrswegen, welche auf Grund ihrer geologischen Gestaltung (Täler, Flussläufe, Passübergänge…) mit einer hohen Wahrscheinlichkeit eine artelogische Funddichte aufweisen würden. Diese sich zum grössten Teil auf das nordtiroler Inntal und auf das Wipptal beschränkende Ausrichtung der primären Vorbereitungs- und Analysearbeiten vorab jeder manuellen Grabung, bedingt sich aus den strukturellen Gegebenheiten eines Sich-Entscheiden-Müssens, bildet aber gleichzeitig jene solide Ausgangsbasis, auf der in weiterer Folge neue Entdeckungen und Möglichkeiten kontextuell in Planung und Umsetzung mit einbezogen werden können.
Es ist dieser Offenheit der arteologischen Forschungsgruppe um Dr. Arkadasch zu verdanken, dass somit umgehend auf die Hinweise aus der eingeborenen Bevölkerung positiv reagiert werden konnte und somit dem bisherigen Erkenntnisbild der Arteologie Nordtirols ein neues und spannendes Kapitel hinzugefügt wurde.
An dieser Stelle sei auch dem Konsulat der Republik Türkei bedankt und den staatlichen Stellen in Ankara, welche in kürzester Zeit jene monetären Mittel zur Verfügung stellten ohne die eine derartige zusätzliche Erweiterung der Forschungsagenda nicht möglich gewesen wäre.
Die Grabungsabläufe welche im Stubaital zum ersten Mal zum Einsatz kamen, wichen in wesentlichen Teilen von allen bisherigen, und wissenschaftlich-arteologischen Gepflogenheiten ab, da den besonderen situativen Rahmenbedingungen welche vor Ort herrschten sofortige und teilweise spontane Rechnung getragen werden musste.
Dies ergab sich aus der schon beschriebenen Situation, dass es sich bei diesem Grabungsgebiet um eine Interessenskollision mit einem von den lokalen Behörden bewilligtem und mit einem weitestgehend rechtsstaatlich abgeführten Baubescheid autorisierten Strassenbauvorhaben handelte, welches von sich aus unter vollkommen anderen Prämissen und zeitlichen Vorgaben abzuwickeln war. Hierbei gebührt neben dem Erstentdecker der arteologischen Funde auch den beteiligten politischen Verantwortungsträgern vor Ort, den involvierten Baufirmen und den Ämtern und Behörden der Tiroler Landesregierung Dank und Anerkennung für ihre unbürokratische Entscheidung diesen bestimmten Bauabschnitt für eine komplette restliche Bausaison (klimatische Bedingungen!) ruhend zu stellen und so die arteologische Sichtung und wissenschaftliche Bearbeitung dieses Fundplatzes zu ermöglichen.
In einem ersten Schritt galt es zum ersten die Fundstelle insgesamt abzusichern und jene fundrelevanten Schichten, in welchen auf Grund der Strassenbauarbeiten keramoide Fundvorkommen wahrscheinlich waren, vor Witterungseinflüssen und sonstigen Schädigungen zu sichern. Im weiteren musste dann auf die zeitlichen und räumlichen Vorgaben Rücksicht genommen werden, welche sich aus einem Kompromiss mit den ausführenden Baufirmen vor Ort entwickelten – der gesperrte Strassenabschnitt befand sich schliesslich auf einer wirtschaftlich bedeutenden Zubringerstrecke für die Gemeinde Telfes.