Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 15
Die weiteren Ausgrabungen an der Fundstelle im Stubaital zeitigten noch einige interessante Ergebnisse, welche belegen, dass es sich bei dieser Fundstelle mit grosser Sicherheit um eine über Jahrzehnte in Gebrauch stehende Lager- bzw. Raststätte für Handelskarawanen und sonstige Reisende gehandelt haben muss. Zwar erscheint in einer ersten verkehrstechnischen Analyse dieser Ort ein wenig abgelegen von der Hauptdurchzugsstrecke des Wipptals, es muss dabei aber berücksichtigt bleiben, dass gerade um den heutigen Ort Schönberg (Wipptal) die Führung von Strassen und Wegen bis zur verkehrstechnischen Lösung durch den Bau einer das Tal in grosser Höhe überspannenden Brücke („Europabrücke“ der „Brennerautobahn“) von einer starken Steigung in felsigem Gelände gekennzeichnet war, die zudem eine schluchtartige Oberflächenstruktur vorweist, welche durch den wasserbedingten Taleinschnitt des Flüsschens Sill über die Jahrtausende hinweg geformt wurde. Diesen markanten und gefährlichen Wegbereich bewältigt zu haben, bzw. von Süden kommend (nach der kräftezehrenden Überwindung des Brennerpasses) verlangte von sämtlichen Reisenden eine Rast- und Ruhepause, umso mehr, als eine derartige Strapaze den Last- und ev. auch Reittieren, ehe an eine sinnvolle Fortsetzung der Reise gedacht werden konnte, nicht weiter zumutbar oder gar sinnvoll war. Generell gilt es bei arteologischen wie auch archäologischen Forschungen vor Ort, beständig auch das Gesamtumfeld in Hinblick auf oekonomische als auch strategische Gesichtspunkte im Auge zu behalten, um solcherart speziell jene Zusammenhänge zu erkennen und in der primären Grabungsarbeit umzusetzen, welche ihre Wirkstetigkeit sowohl in einem heterogenen Gesellschaftsgefüge als auch in einem homogenen und tradierten Besiedelungsbereich erfassbar und beforschbar machen.
Innert dieser Vorgaben wird sehr schnell offensichtlich mit welcher Voraussicht und Klugheit eben diese Örtlichkeit im Stubaital für die Errichtung einer Raststätte und/oder Karawanserei gewählt wurde: in fussläufiger, nahezu ebenerdig erreichbarer Nähe zum Hauptverkehrsweg, an einer leicht erhöhten Stelle oberhalb eines sich hierorts in die Breite mäandernden Gewässers gelegen, mit Weideland für Zug- und Lasttiere, sowie relativ geschützt von den oftmals stürmisch auftretenden Südwinden.
Neben den keramoiden Funden und der Auffindung des „Urkarabiners“ wurden auch hierorts wiederum Kultgegenstände vorgefunden, die in ihrer gestalterischen Ähnlichkeit einen direkten Bezug zu den Funden im Inntal und im Wipptal belegen. Allerdings weist ein Fundstück dabei eine einseitige Änderung in seiner Formgebung auf, welche weder materialbedingt noch unbeabsichtigt erscheint. Es lässt sich leider auf Grund der vorangegangenen Strassentrassierungen in den letzten 40 Jahren nicht mehr das komplette originäre Umfeld dieser Fundstücke nachvollziehen, jedoch geben vereinzelte steinere Strukturen in seiner direkten Umgebung Hinweise, dass hier in penatenhafter Form entweder eine öffentlich zugängliche Kultnische bestanden haben muss, oder aber wir es mit einer Gebetsstelle für Reisende zu tun haben, die (wobei hier lediglich Vermutungen möglich sind) priesterlich betreut sämtlichen Reisenden (und wohl auch der ansässigen, nomadischen bis halbnomadischen Bevölkerung für persönliche Problemstellungen) für
Bitten um göttlichen Beistand zugunsten eines positiven Reiseverlaufs zur Verfügung standen. Trotz mehrfacher Urgenzen bei den administrativen Stellen der Tiroler Landesregierung war es nicht möglich eine Verlängerung der Grabungslizenz zu erhalten. Die infrastrukturelle Lösung der strassentechnischen Erreichbarkeit der Gemeinde Telfes noch vor Einbruch der nächsten Winterperiode verunmöglichte weitreichendere Grabungen an dieser Fundstelle – wobei generell das gute Klima der Zusammenarbeit mit allen verantwortlichen auf politischer Ebene betont werden muss.