Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 17

Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 17

Die reichen Fundvorkommen an einer derart kleinräumigen Grabungsstelle – die noch dazu (wie es allerding leider nur allzu oft im arteologischen als auch archäologischen Alltag vorkommt) nur unter sehr eingeschränkten zeitlichen Bedingungen primär beforscht werden konnte, verlangen nach einer eingehenden und strukturellen Analyse im topografischen als auch geografischen Rahmen unter Einbeziehung aller bisher relevanten arteologischen Daten.

stubaital, 1985, dr. arkadasch, arteologieDas Stubaital als sich von Südwesten nach Nordosten streckendes, kleines Gebirgstal, mit einer nach Vereinigung von mehreren Bächen beginnenden tatsächlichen Talsohle, erstreckt sich über ca. 14 km bis zum Ort Schönberg (wohingegen der Bach/Fluss selbst erst viel weiter nördlich, im Gebiet von Unterberg in die Sill mündet. Der Talverlauf sowie seine topografische Formung gehen zum grössten Teil auf die glazialen Schiebungen der letzten Eiszeit zurück und wird selbst heute noch durch die verbliebenen Gletscher in den Stubaier Alpen mittels Schmelzwässer, aber auch durch moderne, von Menschenhand geschaffene, verkehrstechnische Erschliessungen mit asphaltierten Strassen sowie durch andere fremdenverkehrsbedingte Massnahmen (Hotelbauten, Anlage von Schipisten und Seilbahnbauten…) gestaltet. Verkehrstechnisch wurde dieses Tal jedoch immer schon über das Gebiet der heutigen Gemeinde Schönberg erschlossen, da sowohl Fussläufigkeit als auch eine fuhrwerkstaugliche Trassierung nicht entgegengesetzt zur Verlaufsrichtung der Stubaier Ache (so der Name des Wasserlaufes) sinnvoll erfolgen konnte, da sowohl die hydrogeologischen Voraussetzungen als auch die topografische Beschaffenheit des gesamten Geländes eine derartige Erschliessung als unzweckdienlich erscheinen liessen.

Sämtliche Wegtrassierungen – bis herauf in die heutige Zeit – haben neben den reinen Faktoren der Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit zudem folgende Prämissen zu berücksichtigen:

a)    Inwieweit passt diese infrastrukturelle Erschliessung in die jeweilige sicherheitspolitische Lage: bringt sie eine Stärkung der eigenen militärischen Möglichkeiten (sowohl in der Expansion als auch in der Verteidigung) mit sich?

b)    Erscheint der Wert der eigenen Öffnung nach aussen – jeder neue Verkehrsweg bringt a priori eine kulturelle Konnotation mit sich – in Relation zu den sich daraus ergebenden Risiken wünschenswert und steuerbar?

Es sind mithin diese zwei Fragestellungen, welche auf Dauer gesehen darüber entscheiden, ob eine Strassenführung militärischen Zwecken untergeordnet werden muss, oder aber in seiner Bestimmung dem Handel und dem Austausch von Waren, Gütern und Dienstleistungen dient. Das Stubaital weist keinerlei nennenswerte Rohstoffe auf, reduzierte sich schon immer auf halbnomadisierende Landwirtschaft und bescheidenes Handwerk, erst das ausgehende 19. Jahrhundert und das 20. Jahrhundert (offensichtlich an die uralte Tradition des Werkzeugmachens angelehnt) brachten bescheidene Industrien in diesen Winkel Tirols. Es standen somit keinerlei sicherheitspolitische Interessen im Vordergrund, welche zu einer einschränkenden Trassenführung mit dazugehörendem Wehr- und Befestigungswerk geführt hätten. Die „Karawanserei Stubaital“ (sh. Clara Flobert, „The Arteological Site of Stubaital“, Unipress Innsbruck, 1985) war daher wohl eine reine Niederlassung für Handelsreisende mit dem dienstleisterischem Schwerpunkt einer Versorgung von Mensch und Last- bzw. Nutztier. Auf Grund der bisherigen Funde ist davon auszugehen, dass hier Beherbergungsmöglichkeiten für bis zu maximal 40 Reisenden bestanden haben können, wobei davon auszugehen ist, dass insbesondere Hilfspersonal und Lasttiere im nahen Bereich des mäandernden Flusslaufes in Pferchen und Zelten untergebracht waren. Von einer dorfähnlichen Siedlung mit dauerhaftem Charakter ist nicht auszugehen. Dafür wurden auch bei mehreren Parallelsondierungen im näheren Umfeld keinerlei hinweise gefunden.