Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 18
Selbst wenn a priori die Erfolgsaussichten für weitere relevante Funde im direkten Bezugsfeld von positiven Grabungen weder von vornherein als gegeben anzusehen sind, so kann man doch nicht ausschliessen, dass das nähere Umfeld zusätzliches Fundmaterial beinhaltet, welches in einem direkten kontextualen Zusammenhang mit den bereits erfolgten Funden steht. Dies bedingt jedoch das Vorhandensein einer zumindest marginalen Infrastruktur, die sich in verschiedenen bautechnischen Formen nachweislich niedergeschlagen hat und die einen schlüssigen Ansatz für eine weitere wissenschaftliche Befundung beinhaltet. Das Auffinden von vereinzelten divergenten Materialien, auch wenn sie in einem zeitlichen Zusammenhang stehen mögen, kann zwar den Anfang einer umfangreichen Fundstellenbearbeitung nach ziehen, muss aber vom arteologischen Ansatz her mittels Parallelsondierungen auf inhaltlichen Fakten beruhen. Diese oftmals nicht unerheblichen Arbeitsbelastungen sind selten von direktem Erfolg gekennzeichnet, vielmehr dienen sie dazu, im Ausschlussverfahren nachzuweisen, dass innert des sondierten Gebietes mit keinen/weiteren/eventuell möglichen Funden zu rechnen ist.
Dazu wird das gesamte in Frage kommende Gelände in das bereits erwähnte Wahrscheinlichkeitsraster kartiert [Area of high degree of probability (AHDP), Area of normal degree of probability (ANDP), Area of low degree of probability (ALDP)] und in weiterer Folge, beginnend von den AHDPs zu den ALDPs hin abgearbeitet.
Bezogen auf die Grabungsstelle „Stubaital“ bedeutete dies, dass entlang der Strassentrasse der „Telfeser Landesstrasse“ nordwestlich bis zum Griesbach und in nordöstlicher Richtung bis zum Brückenschlag über die Ache, auf eine Breite von 2 m auf der zur Strasse abschüssigen Seite, dieses Gelände zum AHDP erklärt und dementsprechend mittels Parallelsondierungen untersucht wurde. Aus diesen Untersuchungen lässt sich – in Vorwegnahme der nachfolgenden Kontextualisierung – die bereits oben erwähnte Tatsache ableiten, dass wir es hier mit keiner dorfstrukturlichen Dauerniederlassung zu tun haben, sondern vielmehr mit einer Karawanserei, welche für die Bedürfnisse von reisenden und deren Zug- und Lasttiere, unter durchaus merkantilen Gesichtspunkten, betrieben wurde.
Das Gelände rund um das provisorische Lager, das sich bereits im erweiterten Aubereich der Ache befindet, galt als ANDP und konnte trotz mehrerer Wochen dauernder Sondierungen mit keinerlei Fundmaterialien aufwarten. Das ALDP-Gelände wurde ausnahmslos im Ackerland nördlich der „Telfeser Landesstrasse“ lokalisiert, wobei auch hier keinerlei arteologisch relevante Funde zu entdecken waren; lediglich die Fundamente von zwei Stallungen wurden ausgegraben, bestehend aus lose verlegten Bachsteinen, die mineralogisch eindeutig dem Geschiebe der Ache zuzuordnen sind. Die dabei angewandte Technik der Mauerlegung weist keinerlei Typisierungen auf, welche diese Fundamentierungen tatsächlich arteologisch einordenbar machen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass diese Geröllfundamentierungen kaum älter als 230 Jahre sind (dies ist aus der Schichtung der darüber liegenden Humussode zu entnehmen).
Als dennoch überraschend wurde am 19. September 1985, 14 m oberhalb der ersten Fundstelle von keramoiden Resten (sh. Ausgrabungsprotokoll „Stubaital“ 9 ff.), am unteren Rand der Strassentrassierung eine steinerne Nische entdeckt, die im Trockenmauerverfahren, in polygonaler Technik errichtet wurde und in ihrem Inneren, geschützt durch sorgsam gefügte Lagen von flachen, in etwa handtellergrossen Kieseln, eine sehr gut erhaltene rechte menschliche Hand beherbergt, die zudem ein cult-object zu umfassen scheint, bzw. in der Hand hält.
Dieser Fund wurde als erstes von zwei Bauarbeitern türkischer Herkunft entdeckt, die sich umgehend an Dr. Arkadasch persönlich wandten, da ihr Bauleiter, ein eingeborener Tiroler, eigentlich vorhatte sofort diese Fundstelle mithilfe eines Baggers zu entsorgen. Einmal mehr zeigt sich hier, wie wichtig eine positive Kommunikation mit den jeweilig beteiligten Partnern vor Ort ist.