Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 19
Es kam an der Fundstelle zu einem zeitweilig recht heftig geführten verbalen Disput zwischen dem Bauleiter und Dr. Arkadasch, der in der Beschimpfung der beiden Bauarbeiter seinen Höhepunkt fand. Daraufhin informierte Dr. Arkadasch umgehend den Telfeser Bürgermeister und telefonierte vom ersten, zur Fundstelle angrenzenden Haus mit Telefonanschluss, mit den zuständigen Stellen in der administrativen Verwaltung in Innsbruck, sowie dem archäologischen Institut der Universität Innsbruck, um die Situation raschest zu deeskalieren und eine für beide Seiten tragbare Lösung zu erreichen.
Gerade diese Szene zeigt sehr deutlich, dass es oftmals nicht die äusseren Bedingungen wie Wind, sengende Sonne, Schlamm, Schnee oder Regen sind, welche die grösste Herausforderung an die arteologische Wissenschaft vor Ort stellen, sondern vielmehr die manchmal kleingeistig wirkenden Reaktionen auf fundrelevante Massnahmen. Freilich braucht es ein gerüttelt Mass an Allgemeinbildung, um die tieferen Zusammenhänge zwischen arteologischen Erkenntnissen und der gegenwärtigen Lebenssituation der an den Fundstellen niedergelassenen Menschen zu erkennen und zu begreifen. Dies umso mehr, als dass gerade die Suche nach arteologischen Artefakten und/oder humanoiden Funden häufig mit ökonomischen, die Infrastruktur einer dörflichen oder städtischen Gemeinschaft betreffenden Einrichtungen in ihrer Nutzung einschränkt, oder – eine Erscheinungsform die generell als schwerwiegender empfunden wird – gar traditionelle Werte, religiöse Anschauungen, wenn nicht gar beides zugleich als nicht ewiglich allgemein gültig präsentiert und somit die meist beschönigte Genese der eigenen Geschichte nachhaltig in Frage stellt.
Als der Telfeser Bürgermeister an der Fundstelle eintraf, wollte der Bauleiter umgehend mit den Baggerarbeiten fortfahren, da er sich durch die Anwesenheit des Dorfchefs eine arbeitsauftragsmässige Bestätigung seiner Absichten erwartete. Dr. Arkadasch indes verdeutlichte dem Dorfoberhaupt die eventuelle Möglichkeit eines bedeutenden Fundes, welche sich zukünftig sowohl im historischen als auch touristischen Bereich der dörflich-ökonomischen Strukturen positiv auswirken könnte. Zudem stellte sich heraus, dass durch die Sprachbarriere des Bauleiters (er spricht nur das eingeborene Deutsch und basalstes, gerade noch alltagstaugliches Englisch) es zu einem Missverständnis bezüglich der beiden türkischen Bauarbeiter gekommen war, welche selbstverständlich mit Dr. Arkadasch durch die muttersprachlichkeit eine qualitativ entsprechende Kommunikation führen konnten. Auch wenn beide Arbeiter und auch Dr. Arkadasch dem Bauleiter die Notwendigkeit einer genauen Analyse der Fundstelle vor Ort zu verdeutlichen suchten, so hatte er dennoch aufgrund des Nichtverstehens der entsprechenden Dialoge zwischen den Arbeitern und Dr. Arkadasch das Gefühl von wesentlichen Teilen des betreffenden Gesprächs ausgeschlossen zu sein.
Erst mit der telefonischen Order durch das Landesbauamt in Innsbruck beruhigte sich die Lage und als Dr. Arkadasch dann dem Bauleiter für sein Verständnis dankte und ihm anbot bei der weiteren Freilegung der Nische als Bauexperte mit vor Ort sein zu dürfen, legten sich auch die letzten negativen Emotionen.
Das Verständnis für die kulturellen Traditionen und Sitten einer lokal verorteten Bevölkerungsgruppe sind für jede Expedition eine grundlegende Voraussetzung für einen nachhaltigen Erfolg und für eine möglichst grosse Toleranz bezüglich der Grabungsarbeiten als auch der arteologischen Forschungen mitsamt ihren oftmals doch für die eingeborene Bevölkerung unerwarteten Ergebnissen.
Die anschliessende Freilegung des humanoiden Fundes erfolgte unter den strengen arteologischen Vorgaben, welche – sofern keine Gefahr in Verzug herrscht – das wissenschaftliche Prozedere in derartigen Situationen vorschreibt.