Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 20

Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 20

Bei Funden welche im populärwissenschaftlichem Sinn zu den „Sensationen“ gehören, ist es wohl eine eigne, soziologische Studie wert, festzustellen und zu analysieren, in welch kurzer Zeit hier über Mundpropaganda die Entdeckung dieser „Sensation“ ihren Niederschlag in zahlreichem Publikum vor Ort findet. So auch in diesem Fall. Während nämlich noch mit den zuständigen administrativen Stellen in Innsbruck telefoniert wurde und mit dem zuständigen Bauleiter die wohl zu erwartende zeitliche Verzögerung seiner Bauarbeiten vorsichtig und step by step erörtert wurden, begann sich das direkte Umfeld der Grabung sowohl mit angeheuertem Grabungspersonal – wobei hier bereits sinnigerweise wieder auf jene eingeborene Bevölkerung zurück gegriffen wurde, welche bereits bei der „Grabung Wipptal“ das Gros des Hilfspersonals stellte und so die unmittelbare Einschulungsphase auf die Auffrischung der wesentlichen Sicherheitsbedingungen bezüglich der Grabungstätigkeit an sich, als auch im Umgang mit Fundstücken, Artefakten und/oder humanoiden Funden beschränkt werden konnte – als auch Schaulustigen vor Ort, Eingeborenen und Gäste in der Sommerfrische, rasch bis an die provisorischen Absperrungen hin zu füllen.

Dr. Sudanavesi, die Expeditionsanthropolgin, verstand es umgehend mit ihrem offensichtlich angeborenen Instinkt im Umgang mit Menschen, die Situation zu kalmieren und rasch in organisierte und den weiteren Bergungsverlauf des humanoiden Fundes nicht beeinträchtigende Bahnen zu lenken. Als erstes beauftragte sie den oben bereits erwähnten Bauleiter mit der Absicherung des Geländes. „Ihnen brauche ich doch nichts von der historischen Bedeutung dieses Fundes und der damit verbundenen wissenschaftlich, arteologischen Sensation zu erzählen! Sie wissen was das in weiterer Folge bedeutet. Wären Sie bitte so kooperativ und würden Sie unter Ihrer Leitung die rigorose und kompetente Absicherung und Absperrung des Geländes übernehmen, bis unser wissenschaftliches Team diesen humanoiden Fund geborgen hat?“

So wenige Sätze – und eine derartige Wirkung: umgehend übernahmen die Bauarbeiter unter der Leitung ihres Vorarbeiters die Absicherung des Geländes, stellten innert kürzester Zeit Pölzmaterial zur Verfügung und schufen mit fixierten, hölzernen Planken eine stabile Zufahrt bis wenige Meter zur Fundstelle, um so den Geländewagen mit der klimatisierten Transporteinheit möglichst nahe an die Fundstelle zu bringen.

stubaital, 1985, humanoider Fund, bild 3, arteologie, dr. arkadaschWie bereits mehrfach erwähnt ist die Miteinbeziehung der Bevölkerung vor Ort das Um und Auf für den gedeihlichen Fortgang einer derartigen Expedition. Auf Grund der bisherigen Vorarbeiten und Erfahrungen im Inn- und Wipptal, dem Besucherzentrum in Matrei und den damit verbundenen medialen Berichterstattungen war klar, dass das Grabungsteam hier den Erwartungen der Schaulustigen in einer gewissen Art und Weise entgegenzukommen hatte. Selbst wenn eine derartige Vorgangsweise nicht immer den hehren wissenschaftlich-arteologischen Prinzipien zu entsprechen scheint, so ist doch die Umwegrentabilität einer derartigen Fundpopularisierung von unschätzbarem und dauerhaftem Wert. Dr. Arkadasch, Dr. Sudanavesi, sowie drei studierende Mitarbeiter schlüpften zu diesem Behufe in ihre weissen, eigentlich der Laborarbeit vorbehaltenen Schutzanzüge, setzten sich Schutzbrillen auf, schlüpften in Handschuhe und spannten einen Atemschutz vor Mund und Nase. Nach einem kurzen Hinweis einer Studierenden liess Dr. Arkadasch auch an die Bauarbeiter, welche innerhalb der Absperrung deren Einhaltung kontrollierten ebenfalls derartige Atemschutzmasken austeilen. Erst dann wurde mit einem guten Stück Theatralik und mit nahezu übertriebener Vorsicht der humanoide Fund aus seinem Umfeld freigelegt, geborgen und mittels einer improvisierten Bahre zum Geländewagen transportiert und dort fachgerecht in der klimatisierten Transportbox verstaut, ehe dann endgültig, eskortiert von einem mit orangem Warnblinklicht versehenem Fahrzeug der Strassenmeisterei, die Überstellung in die Zentrale nach Innsbruck erfolgte.

Als die beiden Fahrzeuge in Schritttempo die Menschenmenge teilten, brandete tosender Applaus auf. Dr. Arkadasch stellte sich anschliessend auf ein am Wegesrand lagerndes Hydraulikölfass und hielt an alle anwesenden eine kurze Dankesrede und lud die Baurabeiter samt dem Bürgermeister und die mittlerweile eingetroffenen Vertreter der Lokalpresse zu einer abschliessenden Jause in die Expeditionsbaracke, jedoch wies er zuvor noch auf die Bedeutsamkeit der Fundstelle hin und appellierte an alle Anwesenden, diesen Fundort nicht eher zu betreten, als dass die arteologische Freigabe dafür erteilt würde.