Arteologische Kontextbefundung der fundrelevanten Grabungsergebnisse der Grabungsstelle „Stubaital“, Team „Stubaital“; Bearbeitungsstatus: November 1985.
1. Primäre Gesamtsichtung der inhumanoiden Artefakte in Bezug auf besiedlungstechnische und habitatsimmanente arteologische Strukturen:
Die Funde der Grabungsstelle „Stubaital“ lassen sich in vier Kategorien einteilen:
1. keramoide Funde
2. metallene Miniaturen und Werkzeuge
3. besiedelungsrelevante architektonische Fragmente, und:
4. humanoide Funde
Die Besonderheit der keramoiden Funde an der Grabungsstelle „Stubaital“ beruht auf einer nachweislichen transitalen Einflussnahme, welche bedingt durch die ortsspezifische Besonderheit einer arteologischen Karawanserei, in sehr deutlicher Manifestation den starken Einfluss von kulturellen und handwerklichen Nuancierungen in sich tragen. Besonders die rundhafte Formensprache des vorgefundenen, zweiteiligen keramoiden Objektes belegt die stringente handwerkliche und artefaktionelle Überlegenheit der aus dem (geografisch) mittelitalienischen Raum stammenden Formgebung. Jeder Austausch impliziert a priori ein gegenseitiges Sich-Beeinflussen, jedoch ist gerade bei allen bisherigen Funden im nordtirolerischen Besiedelungsgebiet lediglich eine Annahme von Waren, Gütern aber auch Artefakten und Cult-objecten feststellbar, die in bisher keinerlei Nachweisbarkeit zu einem Austausch – in welcher Form auch immer – hin zu jenen Gruppen und Stämmen ihr inspirierendes Gegenstück findet. Dies besagt deutlich, dass die ansässige Bevölkerung zwar die Vorteile eines Austausches erkannt haben mag, belegt aber gleichzeitig eine fundamentale Rückständigkeit in sämtlichen Bereichen des täglichen Lebens. Nur so sind die rasche Übernahme von Kulthandlungen, aber auch bautechnischen Vereinfachungen sowie das Streben nach plagiativer Übernahme von basalen Fertigungstechniken und Formgebungen erklärbar. Die mangelnden Bodenschätze, die geografische Unzugänglichkeit weiter Gebiete, die relativ spärliche Besiedelung und die soziotive Struktur einer halbnomadisierenden und weitestgehend in sich geschlossenen Bevölkerung führten daher zu keiner dauerhaften, bewusst vollzogenen Okkupation durch Stämme aus dem südlichen bzw. nördlichen Voralpenraum, bedingten aber gleichzeitig, dass die Handels- und Reiserouten weitestgehend sicher und in Permanenz zum transitalen Austausch von Gütern und Waren gewährleistet bleiben mussten. Es war somit opportun für die eingeborene Bevölkerung, den Händlern und den Reisenden mit entsprechender Gastfreundschaft und Hilfestellungen (Verpflegung, Wegerhalt, Begleitpersonal…) dienlich zu sein. Die dafür im Austausch erhaltenen Waren und Güter bedingten einen kontinuierlichen, wenn auch langsamen Anstieg der alltäglichen Lebensqualität, welcher durch die keramioden Funde deutlich belegt wird. Wie gross dieser Wert für die eingeborene Bevölkerung tatsächlich war, wird besonders deutlich durch die kultische Verwendung dieser Artefakte, die zum überwiegenden Teil in den ursprünglichen Herstellungsgebieten lediglich alltagsgebräuchliche Nutzung besassen.
Während die Fundstellen im „Inntal“ und im „Wipptal“ bereits klar nachvollziehbare Ansätze einer durchaus schon tradierten Sesshaftigkeit vorweisen, ist es – vor allem in Bezug auf die zeitliche Konkordanz der Funde im „Stubaital“ mit den Funden im „Inntal“ und im „Wipptal“ – äusserst bemerkenswert, dass wir es hier im Stubaital, nur wenige Kilometer vom Wipptal entfernt, sogar fussläufig innert eines halben Tagesmarsches erreichbar, noch mit einer halbnomadisierenden Bevölkerungsstruktur zu tun haben, die gleichwohl in ihrem kultischen als auch rituellen Ansatz (vgl. auch die „metallenen Cult-Gegenstände“) den Fundrelevanzen des „Inntals“ und des „Wipptals“ gleicht.
Die weitestgehend wohl bedingungslose Übernahme – es konnten keinerlei Spuren einer zwanghaften Oktroyierung oder gar repressiven Edukation von auswärtigen Völkern und/oder Stämmen nachgewiesen werden – von Verhaltensweisen, Produktionsverfahren und religiösen Vorstellungen zeigt sehr deutlich zum Einen die kulturelle und geistige Rückständigkeit der eingeborenen Tiroler Bevölkerung zu dieser Zeit auf, belegt aber zum Zweiten die fast schon vorsätzlich anmutende Neigung zum opportunhaften Handeln um des eigenen Vorteils willen, wobei dabei die Aufgabe eigener Anschauungen, Traditionen, Sitten und Gebräuche bewusst in Kauf genommen und/oder gar forciert wurde. Selbst im heutigen Verhalten der eingeborenen Bevölkerung (insbesondere im Beherbergungs-und Gaststättenwesen) scheint dieser Wesenszug nach wie vor immanent.
Die keramoiden Funde im „Stubaital“ sind im Wesentlichen eindeutig im südlichen Alpenvorraum zu verorten – dies belegen auch sämtliche Analysen und labortechnischen Untersuchungen. Die wenigen keramoiden Funde die eindeutig dem eingeborenen Schaffen jener Zeit zuordenbar sind, beschränken sich auf eher primitive Alltagsgegenstände ohne ästhetischen Ansatz, geschweige denn kunsthandwerklicher Inspiration.
Anders verhält es sich mit der Erstellung von einfachen metallenen Werkzeugen, wobei sich gerade hier in positiver Weise die nahezu bedingungslose Unterwürfigkeit gegenüber vermeintlich höherwertigen Verhaltensformen (und deren sozialen als auch ökonomischen Ausformungen) niederschlägt, indem die Anpassung der eigenen Gestaltungsmöglichkeiten dem unmittelbaren Lebensraum als solchem in einem assimilierenden Lern- und Erfahrungsprozess eigenständige Lösungsansätze „abgetrotzt“ werden. Die erstaunliche Formengebung und Gebrauchsvielfalt des „Urkarabiners“ belegt diesen Ansatz nachhaltig.
Bautentechnisch muss auch hier von einfachen Behausungsformen – vorwiegend aus lose gefügten Steinfundamenten mit hölzernen Überbauten – ausgegangen werden, wie die wenigen vorgefunden Fundamente und fragmentarischen Holzüberreste belegen. Eine derartige Architektonik ist typisch für jede halbnomadisierende Bevölkerungsform.
2. Arteologische Befundung des humanoiden Fundes der Grabung „Stubaital“:
Der Fund der rechten, maskulinen Hand im Nahbereich der Karawanserei im gemeindegebiet der heutigen Siedlung „Telfes“ weist durch seine bewusste Mumifizierung eine klare Sonderstellung aus. Erstmals wurden im nordtirolerischen Alpenraum mumifizierende Verfahrenstechniken nachgewiesen, welche eindeutig dem kultischen Bereich zuordenbar sind. Zudem bezeugt die Verbindung dieser Hand mit einem Cult-Gegenstand das Vorhandensein eines durchaus als überregional einzustufenden – wie die anderen bisherigen Funde im „Inntal“ und im „Wipptal“ beweisen – gemeinspirituellen Ansatzes, der im gegenständlichen Aufeinandertreffen von verschiedensten Volksgruppen (vorwiegend Händlern und Reisenden) seinen stringenten Niederschlag in einer deutlichen Abstrahierungstendenz, hin zu einer kultisch-rituellen Elitenausformung, seinen Niederschlag findet.
a) Die anatomischen Merkmale dieser rechten Hand belegen zum einen die Maskulinität dieser Extremität und ergeben eine Lebenalterbestimmung zwischen 32 und 45 Jahren.
b) Die Laboranalysen ordnen herkunftsmässig diese rechte, maskuline Hand eindeutig der eingeborenen Bevölkerung zu, wobei sich mehrere Hinweise auf eine Inspermination aus dem mittelitalienischen Raum ergeben und in einem geringen Ausmass gleichfalls aus dem bajuwarischen Raum. Dieser Nachweis verdeutlicht einmal mehr, dass besiedlungstechnisch dieser Raum über den Brennerpass vorwiegend erschlossen wurde, es jedoch zunehmend zu einer Vermischung mit transitalen Bevölkerungsbewegungen von Gruppen aus dem von Norden her einströmenden Wanderbewegungen kam.
c) Es kann somit auch im Stubaital nicht von einer arteologischen, merkmaltypischen Stammbevölkerung gesprochen werden.