Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 5

Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 5

Umgekehrt ergaben eingehende Beobachtungen des Verhaltens und der täglich geübten Traditionen interessante Parallelitäten zu anderen indigenen Gruppen, deren Leben sich seit Generationen vorwiegend im alpinen bis hochalpinen Raum abspielt. Die Anthropologin Frau Dr. Marga Sudanavesi – welche schon mehrere arteologische Expeditionen begleitete – nahm auf Grund dieser ersten von Dr. Arkadasch im Kaunertal/Nordtirol derart deutlich beschriebenen Beobachtungen im Jahr 1989 an der Erkundungswanderung in das Pitztal (ein durch ein Gebirge vom weitestgehend parallel verlaufenden Kaunertal abgegrenztes Tal) teil und war auch im darauf folgenden Jahr die überwiegende Zeit an der Erkundungswanderung durch das Lechtal/Nordtirol als anthropologische Leiterin führend beteiligt.

Folgende bemerkenswerte Similaritäten in den Traditionen, Sitten und Gebräuchen von montanavinen Dauerbesiedelungen analysierte Frau Dr. Sudanavesi in diesen fünf exemplarisch gewählten Regionen:

1.    Alpen/Nordtirol/Europa

2.    Kordilleren/Chile/Südamerika

3.    Nguru Mountains/Tansania/Afrika

4.    Taurusgebirge/Türkei/Kleinasien

5.    Himalaya/Tibet/Asien

In allen diesen Regionen (soferne es sich dabei nicht um kleinstädtische Niederlassungen oder Handelszentren handelt) herrscht nach aussen hin ein strenges Patriarchat, welches sich zum einen in einer strengen Arbeitsteilung niederschlägt (den Frauen obliegt die Haus- und Feldarbeit, während den Männern die administrative und spirituelle Leitung der Gemeinschaften obliegt) und zum zweiten eine körperfeindliche Ganzkörperverhüllung der Frauen ab der ersten Menstruation der Mädchen tradiert. Dies zeigt sich in Kopftüchern, bodenlangen Röcken bis hin zu hochgeschnürten, miederartigen Festtagskleidern und hutähnlichen Kopfbedeckungen mit schleierartigen Applikationen.

Die meist lebhafte Farbgestaltung von Webprodukten (Schafwolle, Yakwolle, Lamawolle) geht mit ruralen, geometriehaften Musterbildungen einher, wobei die Farbe Blau generell für Reinheit, Unberührtheit und Keuschheit bei den Frauen zu stehen scheint, während das Rot in überwiegendem Masse den Männern vorbehalten bleibt und Stärke, Mut sowie Tapferkeit symbolisieren soll. Auch die gestalterische Form der zeremoniellen Gewänder welche für Ritushandlungen und Kulttänze zum Einsatz gelangen ähnelt sich sehr stark in ihren Schnittmustern, aber auch in der Farbgebung sowie der choreographischen Verwendung im Sinne von spirituellen Kostümierungen. Applikationen aus Leder, Federn, Flechten, Gräsern und diversen ortsspezifischen Naturmaterialien ergänzen dabei das Gesamtensemble, wobei hier sowohl die Gewänder selbst, als auch Schuhwerk und schmuckhafte Accessoires vorzufinden sind.

fasnachtfigur, tirol, dr. arkadasch, dr. sudanavesi, arteologie, 1992Noch deutlicher tritt diese Similarität innerhalb dieser fünf indigenen Gruppen in der Formensprache ihrer rituellen Masken zu Tage. Die äusserst klare Zuordnung in „Gut“ oder „Böse“, „Sommer“ oder „Winter“, „Regen“ oder „Sonne“, „Alter“ oder „Jugend“ weist lediglich physiognomische Unterscheidungen auf, sowie spezifische handwerkliche Charakteristika, welche zwar eine lokale Systematisierung zulassen, gleichwohl jedoch die Gemeinsamkeiten in dieser kreativen Umsetzung nativer Spiritualität nachhaltig verdeutlichen.

Am augenscheinlichsten jedoch beweisen jedoch die traditionellen Tänze und rituellen Umzüge die Gemeinsamkeiten dieser fünf indigenen, montanavinen Vergleichsgruppen. Im filmischen Dokument von Frau Dr. Sudanavesi „Die anthropologische Entwicklung in den montanen Randgebieten Afrikas, Asiens, Südamerikas und Europas anhand ihrer rituellen Formensprache und Traditionen“, wird diesen Similaritäten auf eindrucksvolle Weise eine breite und nachhaltige wissenschaftliche Diskussionsgrundlage eröffnet.