Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 6
Vom arteologischen Standpunkt aus betrachtet ergibt sich somit die Frage, wie derart voneinander unabhängig sich entwickelnde Sozietäten eine derart ähnliche Formensprache in ihrem alltäglichen Schaffen, als auch in ihren rituellen und spirituellen Traditionen herausbilden konnten. Wenn es auch vorerst ein theoretischer Ansatz bleibt, welcher nur durch die wenigen, bisher in Nordtirol vorgefundenen arteolgisch auswertbaren Spuren mittels Indizien belegt zu werden vermag, so kann dennoch postuliert werden, dass es keinesfalls auf Grund der räumlichen und/oder bevölkerungsstrukturellen Abgeschiedenheit von indigenen Einwohnerschaften zu einer derart allgemein verbreiteten Verwendung von Farben, Formen und Gestaltungsweisen kommen konnte, da sämtliche Überschneidungen und Ähnlichkeiten subsummiert einen kulturzentralistischen Entwicklungsansatz per se ausschliessen. Vielmehr muss davon ausgegangen werden, dass zum einen die grundlegenden Bedürfnisse nach Licht und Farbe zur genetischen Grunddisposition des Menschen an sich gehören, während jedoch zum anderen deren Ausformung in Verhaltensweisen und Anwendungstechniken weder als irgendeine Form von Vererbung betrachtet werden können, da jede Art von Sozialisierung auf Erfahrungen und Erprobungen beruht und keinerlei biologisch bedingten Reminiszierungen unterliegen kann. Daraus folgt, dass diese Art von Farb- und Formgebungen weder auf Einzelpersonen (kunstaffine Gruppenmitglieder, Schamanen, Tempelpriester etc.) rückführbar ist, noch auf die in sich begrenzte Anzahl einer eingeborenen Sozietät. Es bleibt somit die Frage der Verbreitung dieser Farb- und Formenelemente, und zwar in zeitlicher Hinsicht vor ihrer „Entdeckung“ durch Europäer, über nahezu alle Kontinente bestehen. Ausgehend von verschiedensten Theorien der Besiedelung Asiens und Amerikas wird weiterführend angemerkt, dass es generell zum Bestand der menschlichen Spezies gehört, in wesentlichen Teilen beim Zusammentreffen mit anderen menschlichen Populationen von einer Arteologischen Assimilanz zu sprechen, welche sodann in und aus sich schlüssig heraus diesen Wissenstransfer in ästhetischer und spiritueller Hinsicht belegt.
Im Kleinen wird dieser Ansatz bei den bisherigen arteologischen Grabungen im Inntal, dem Wipp- und dem Stubaital bewiesen, da mittels der dortigen Funde eindeutig die Übernahme als auch der gegenseitige Austausch von Wissen, Fertigungstechniken aber auch von Waren und Gütern bewiesen wurde, welche in weiterer Folge auch ihren deutlichen Niederschlag im Bereich des Kultus und der gruppenspezifischen Traditionen fanden. Dass sich derartige soziokulturelle Parameter selbst heute noch im Verhalten offenbaren, zeigt einmal mehr das bereits im Ausgrabungsprotokoll 4, Lechtal, beschriebene Balzverhalten der indigenen Bevölkerung des Kaunertals.
Gleichwohl die ersten beiden Wanderungen in den Sommermonaten der Jahre 1987 und 1988 im Kaunertal erfolgten und das benachbarte Pitztal im Sommer 1989 erkundet wurde, gestalteten sich vor allem die arteologischen Befundungen der Jahre 1990 und 1991 im Lechtal als die primär vorrangigen. Dies zum einen durch die in der politischen Willensgebung Tirols andiskutierten räumlichen Eingriffe in der bislang unberührten Flussauenlandschaft des Flusses Lech und zum anderen durch die dadurch bedingten unwiderruflichen letztmaligen Chancen in dieser Talschaft auf die ursprünglichen arteologischen Artefakte, ohne inversive humane Landschaftsveränderungen ausgrabungstechnisch zurück greifen zu können.
Das Arteologische Institut der Freien Universität Izmir beauftragte daher Dr. Arkadasch nach diesen Erkundungen zur Planung und Umsetzung einer neuerlichen arteologischen Expedition nach Nordtirol, um dort seine bereits begonnene arteologisch-wissenschaftliche Arbeit fort zu setzen.