Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 8

Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 8

Der überwiegende Teil der Expeditionsmitglieder beherrschte die deutsche Sprache in Wort und Schrift zumindest auf dem Bildungsniveau der sekundären Schulstufe. Doch wie bereits bei den ersten drei Expeditionen nach Nordtirol/Österreich, konnte auch bei dieser Expedition wiederum ein eklatanter Unterschied in der Alltagssprache, im Gegensatz zur deutschen Schriftsprache, bzw. dem Hochdeutsch festgestellt werden. Es erscheint dies als eine typische Wirkform der geografischen Abgeschiedenheit in Gebirgstälern, dass sich die dort sesshaften Bevölkerungs­gruppen sprachlich kaum selbständig weiterentwickeln, sondern lediglich am lingualen Status Quo verharren und dabei in einer fast reaktionär anmutenden Art und Weise ihr indigenes Sprachfeld als soziotypisches Merkmal, aber auch als Abgrenzungsmechanismus nach aussen – und hier wieder speziell zu den unmittelbaren Nachbarn – hegen und präsentieren. Schon die Expeditionen im Inntal, im Wipp- und im Stubaital haben deutlich diese sprachlichen Barrieren innert Nordtirol aufgezeigt. Laut Prof. Dr. Karl Buchberger vom Etymologischen Institut der Universität Prag ist diese Form der lingualen Abgrenzung ein erster Schritt um die innere Stabilität der Gemeinschaft zu festigen – sie dient zum einen als phonales Erkennungsmerkmal und zum anderen als codeimmanentes Kommunikationsmittel, welches sowohl sprachliche als auch nonverbale Inhalte derart zu transportieren vermag, dass lediglich Mitglieder der Gruppe die Sinnhaftigkeit und den tatsächlichen selektiven Inhalt zu verstehen wissen. Daraus folgt, dass gerade im Raum Nordtirol, der bedingt durch seine geografischen Besonderheiten seit Jahrtausenden eine natürliche Schranke zwischen dem Süden Europas und dem Norden bildet, in einem steten Austausch und Aufeinanderprallen, unterschiedlichste kulturelle und soziologische Lebensgewohnheiten miteinander aktiv als auch passiv konfrontiert wurden und derart eine calmierte und weitestgehend bruchlose Entwicklung im Allgemeinen nicht erfolgen konnte. Gleichwohl spricht es für die angesiedelten halbnomadischen und nichtnomadischen Gruppen und Stämme, dass trotz der Unzahl an regionalen Sprachszenarien eine, wenn auch einfache und in der Anwendung stark guttural geformte Silbenführung, zu einer vereinheitlichen Verständigungsbasis führte, welche sowohl den Warenaustausch, als auch basale Kommunikation auf den unteren, den Alltag betreffenden Bereichen ermöglichte. In diesem Zusammenhang jedoch bereits von einer sprachlichen Metaebene zu sprechen, erscheint auf Grund der Eingeschränktheit der in Nordtirol in allen Talschaften gleichklingenden und in ihrer Sinnhaftigkeit meinungs- und sachidenten Vokabeln nicht zutreffend. Dies trifft speziell im Fall des Lechtals zu, welches geografisch vom Inntal aus nur sehr schwer erreichbar war/ist und daher zusätzlichen anderen Einflüssen in seiner Entwicklung unterlag, als die anderen Täler Nordtirols. lechtal, fernpassstrasse, 1992, dr. arkadasch, arteologieDiese Unterschiede sind selbst heute noch sofort und augenscheinlich erkennbar – trotz der jahrhundertelangen gemeinsamen Geschichte und soziokulturellen Genese. So benötigte das Team um Dr. Arkadasch bereits bei seiner Erkundungsexpedition eine eigene einheimische Dolmetscherin um nicht über den Umweg einer vorherigen Verschriftlichung der sprachbezogenen Kommunikation mittels Übersetzung ins Schriftdeutsche zu notwendigen Informationen zu gelangen. Mit der Expedition von 1992 übernahm dankenswerter Weise Herr Herwig Angerer zusätzlich zu seinen pictoralen Aufgabenstellungen diese Agende. Somit konnten ohne eine zusätzliche Schnittstelle die alltäglichen Kontakte zur eingeborenen Bevölkerung abgewickelt werden. Wobei festzustellen bleibt, dass selbst Repräsentanten der Öffentlichkeit und administrative Führungskräfte im Gebiet des Lechtals trotz grossem Bemühen kaum in der Lage sind sich in einem allgemein verständlichen Schriftdeutsch nachhaltig verständlich zu machen. Die Expedition 1992 war somit von Anfang an verstärkt auf logistische Unterstützung des Arteologischen Instituts der Freien Universität Izmir angewiesen.