Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 9

Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 9

Durch die im Vorplanstudium befindlichen Flurbereinigungen und damit verbundenen Begradigungen des Flusses Lech war sehr rasch allen an der arteologischen Forschung des Nordtiroler Gebietes klar, dass möglichst umgehend mit den arteologischen Grabungen im Zuge einer Expedition in dieser Talschaft begonnen werden musste, um so unwiederbringliche Verluste an Artefakten und arteologisch relevanten sonstigen Funden zu vermeiden. Nach eingehenden Beratungen und einer dem Zwecke entsprechenden, auf das Verständnis aller Verantwortlichen im Gebiet des politischen Bezirks Reutte herunter gebrochenen Information konnte umgehend mit der Festlegung der primären Grabungszone im Lechtal begonnen werden.

Die vorangegangene fussläufige Erkundungsexpedition legte dabei die aus alter Zeit bekannten und noch immer in Verwendung stehenden Handelsrouten ihren Überlegungen zu Grunde und konnte so die Schnittstelle dieser alten Handelswege festlegen. Es wurde dabei davon ausgegangen, dass die heutige Hauptverkehrsverbindung vom Inntal ins Lechtal über den 1.212 m hohen Fernpass dabei vom arteologischen Standpunkt ausser Acht gelassen werden konnte, da dieser Verkehrsweg erst in den vergangenen Jahrhunderten insoweit als erschlossen angesehen werden kann, als dass die dafür erforderlichen Wegplanungen und bautechnischen Umsetzungen in der Arteologischen – aber auch Hocharteologischen Zeitspanne noch nicht zielführend und wirtschaftlich sinnvoll umzusetzen waren. Viel mehr stellte sich heraus, dass die vergleichsweise hochalpine Routenführung über das sogenannte Hahntennjoch (auch Hantenjoch oder Hantennjoch bezeichnet), ein Gebirgspass der auf seiner Scheitelhöhe eine Höhe von 1.894 m. ü. A. aufweist, jener Weg war, welcher seit vielen Jahrhunderten das nordtirolerische Inntal ab Imst mit der Gemeinde Elmen im Lechtal verbindet. Diese Weg- bzw. Strassenführung von einer Länge von 29 km war und ist lediglich in den Sommermonaten relativ gefahrlos zu bewältigen, da bereits im Spätherbst bis hinein in das spätere Frühjahr dieser Route durch winterliche Fährnisse vollkommen beeinträchtigt und unpassierbar ist. Selbst heute noch herrscht in diesem Zeitraum eine generelle Wintersperre.

lechtal 1992, dr. arkadasch. arteologieNach der Überschreitung der Passhöhe des Hahntennjochs führt der schmale Weg/die schmale, teilweise einspurige und kurvenreiche Strasse über die Weiler Pfafflar und Bschlabs hinunter ins Lechtal und mündet dort nach einer langgezogenen kehre in die Lechtaler Bundesstrasse ein. Nach wenigen hundert Metern in Richtung Norden/Reutte zweigt eine kleine Seitenstrasse linkerhand zum Fluss Lech ab. Dieser Weg wird „Klimm“ genannt und weist eine Schotterabzweigung direkt entgegengesetzt zur Fliessrichtung des Flusses Lechs auf, der sich an dieser Stelle verbreitert und zahlreiche Schotterbänke sowie, je nach Wasserstand mehrere Flussarme ausformt. In südwestlicher Richtung schliesst sich das Tal durch bis an die Ufer des Flusses reichende Bewaldung, während in nordöstlicher Richtung von hier ab das Tal bis in den Kessel von Reutte sich verkehrstechnisch öffnet und somit auch besiedlungstechnisch relevant wird, da ab hier beidufrig Massnahmen der Erschliessung und Urbarmachung nachhaltig feststellbar sind. Die Weiterführung der Wegroute entlang des Flusses Lech bis hin zum heutigen Vorarlberg kann als eher untergeordnet bezeichnet werden, da sowohl der Warenaustausch als auch die transalen und insistalen Wanderbewegungen auf die Hauptverkehrsmöglichkeiten über das Hahntennjoch und weiter entlang des Lechtales bis nach Reutte und von dort aus in den Süddeutschen Raum überwiegend beschränkt blieben. Am Kreuzungspunkt des Weges durch das Lechtal mit dem alpinen Übergang über das Hahntennjoch befindet sich die bereits erwähnte Flussausformung „Klimm“, welche durch ihre aquaterrestale Ausformung als klassische Furt und somit als Flussübergang zu werten ist.

Derartige neuralgische Verkehrsknoten sind meist auch primäre arteologische Fundstellen und so wurde nach kurzer Beratung einvernehmlich beschlossen an dieser Stelle mit den Grabungen zu beginnen.