Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 11
Für die Erhaltung von anorganischen und/oder organischen Fundstücken ist es von höchster Bedeutung in welchem terrestrisch-geologischem und auch klimatischen Umfeld die Artefakte und Fundstücke gelagert sind. Die chemischen Prozesse, aber auch die physikalischen Veränderungen durch aerole und aquative Errosionsformen, sowie nicht zuletzt durch menschliche Eingriffe in Folge von agrarischen Bodenbearbeitungen und diversen baulichen Massnahmen betreffend die Verkehrsinfrastruktur einer Region und/oder die siedlungsbaulichen terrestrischen Umgestaltungen beeinflussen sehr wesentlich die Erhaltungsformen der Fundstücke. Es ist somit unabdinglich die geologischen Strukturen einer Fundregion zu analysieren und abgeleitet davon die Auffindung, Bergung und die Konservierung von Fundstücken adäquat zu planen. Auch wenn der Nordtiroler Bereich insgesamt eindeutig dem alpinen, geologischen Raum zuzuordnen ist, muss dennoch sowohl von der geologischen Beschaffenheit, als auch von den klimatischen Bedingungen her von einer differenzierten Betrachtungsweise ausgegangen werden, um die Sicherung und den Erhalt von Fundstücken optimal gewährleisten zu können. Während bei den bisherigen Fundstellen im Inntal, dem Wipp- und dem Stubaital die Bodenbeschaffenheit von starker bis mässiger Verwitterung gekennzeichnet war, so befindet sich die Grabungsstelle im Lechtal auf einer auf Schotter und Fels gelagerten Rendsine. Typisch für diese Bodenform ist eine weitgehend Verwitterung ohne chemischen Einfluss, wobei umgekehrt hier wiederum durch den für Kalkgebirge typischen Starkabfluss von Regenfällen und Schmelzwässern eine besondere Bedeutung den daraus erfolgenden mechanischen Veränderungen durch Geschiebe und häufigen Wechseln der Flussbettführung zukommt.
Die Lechtaler Alpen sind eine Gebirgsgruppe der Nördlichen Kalkalpen und mit einer Fläche von knapp 1000 km² deren ausgedehnteste Gruppe. Sie liegen im westlichen Teil des Bundeslandes Tirol und, zu einem kleinen Teil, im Bundesland Vorarlberg, welches westlich angrenzt.
Die Lechtaler Alpen sind ein Kettengebirge mit einem ausgeprägten Hauptkamm und reich verzweigten, langen Seitenkämmen. Die Längserstreckung ist etwa 70 km, die durchschnittliche Breite 20 km. Kennzeichnend ist ein vielfältiger, oft kleinräumig wechselnder Gesteinsaufbau überwiegend aus Sedimentgesteinen, der zu einem sehr abwechslungsreichen Landschaftsbild führt. Wichtigster Gipfelbildner ist der Hauptdolomit, der für oft brüchige, stark zergliederte und schuttreiche Berge sorgt (z. B. Dremelspitze, Leiterspitze, Vorderseespitze, Vallesinspitze). Ebenso bedeutend ist der Fleckenmergel mit gelblich-brüchigen Schuttbergen in größeren Höhen (z. B. an der Parseierspitze, Trittkopf, Freispitze) sowie blütenreichen, dichten grünen Matten in mittleren Höhen. Für scharfe Grate sorgt der Aptychenkalk (Gipfelhaube der Parseierspitze, Roggspitze). Einen sehr harten, hellen Kalk mit besten Klettermöglichkeiten bietet der Oberrätkalk (z. B. Holzgauer Wetterspitze, Freispitze). Der Wettersteinkalk bildet die lange Mauer der Heiterwand und zeichnet sich durch ein kompaktes, wenig zergliedertes Erscheinen mit eindrucksvollen Felswänden aus. Eine Besonderheit sind die Gosauschichten im Muttekopfgebiet, die durch ungewöhnlich bunte Konglomerate, Brekzien und Sandsteine auffallen. Neben den Sedimentgesteinen kommen jedoch auch metamorphe Gesteine vor. In einem kleinen Bereich nördlich von St. Anton am Arlberg (z. B. Galzig) trifft man auf Glimmerschiefer, das typische Gestein der Zentralalpen.
Die wirtschaftliche Nutzung dieser Region beschränkt sich im Wesentlichen auf die seit alters her betriebene, meist kleinräumige Landwirtschaft, Schotterabbau und die eher bescheidene Ausbeutung eines Gipsvorkommens bei Weissenbach. Erst mit der Industrialisierung und dem einsetzen des Fremdenverkehrs konnten zusätzliche Erwerbsquellen für die eingeborenen Bevölkerung erschlossen werden.