Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 12

Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 12

Geografisch gesehen erscheint die Verbindung des Lechtals (Ausserfern – in der Ferne liegend, in der Fremde seiend) zum Inntal tatsächlich von untergeordneter Bedeutung zu sein, vor allem, wenn man diese Betrachtungsweise speziell auf die Nord-Süd-Verbindungen durch die Alpen, also auf die Verbindung des nordeuropäischen Raums mit den Mittelmeerländern reduziert. Hier ist tatsächlich die Route durch das Lechtal und über das Hahntennjoch oder auch den Fernpass ohne jegliche grössere Relevanz im Vergleich zur Nord-Südverbindung über die Achse Inntal (westlich im Städtchen Kufstein Beginnend bis Innsbruck) und Wipptal (von Innsbruck Richtung Süden dem Lauf des Flüsschens Sill strömungsverkehrt folgend). Vom Standpunkt der insistalen und auch transistalen Wanderbewegung diverser Clans, kleingruppiger Bevölkerungsschichten bis hin zu klassischen Völkerwanderungsbewegungen dürfen jedoch auch inneralpine ethnologische Verschiebungen keinesfalls ausser Acht gelassen werden, da sie zum einen oftmals lokale Eigenständigkeiten im sozialen Selbstverständnis einer Gruppe zu erklären vermögen und zum anderen im grösseren Gefüge einer verstaatlichten Gemeinschaft die Genese der eigenständigen Identifikation der Gemeinschaft als solcher mitbegründen (vgl. „Mythen und Sagen als Grundlagen der soziokulturellen Basis einer völkischen Vergemeinschaftung“, von Dr. Olga Horvath [Hrsg.], Budapest, Edition Hyundared, 1984, Seite 253 ff).

lechtal 1992, dr. arkadasch, arteologieUnter diesen Gesichtspunkten wird klar, dass hier im Lechtal eindeutig von einer West-Ost-lastigen (und umgekehrt) humanoiden Ausbreitung und Kontaktierung ausgegangen werden muss, was auch die noch heute leicht nachvollziehbare sprachliche Unterscheidung der eingeborenen Bevölkerung des Lechtals (= Ausserfern) zum restlichen nordtirolerischen Siedlungsbereich entlang des Inntals und seiner Seitentäler deutlich belegt: selbst unter der Zugrundelegung des Faktums, dass 30 km westlich von Innsbruck bei der Gemeinde Telfs eine dialektale Grenzziehung mitten durch Nordtirol verläuft (westlich von Telfs wird der sogennante „Oberländerdialekt“ gesprochen, der einen nachweisbaren rätoromanischen Einfluss aufweist, welcher sich auch in Architektur, Sitten und Gebräuchen bis hin zum Erbrecht niedergeschlagen hat; während östlich von Telfs der „Unterländerdialekt“ gesprochen wird, welcher umgekehrt bajuwarischen Einfluss in vielen Teilaspekten der Alltagssprache und des täglichen Lebens aufweist) kann im Inntal und seinen Seitentälern dennoch von einer sprachlich gemeinsamen Grundstruktur ausgegangen werden, während die Alltagssprache im Lechtal (= Ausserfern) ohne jeden Zweifel dem allemanischen Einflussbereich zuordenbar ist. Selbst unter Bezugnahme auf die heutige innerösterreichische Grenzziehung zwischen Nordtirol und dem westlich angrenzenden Bundesland Vorarlberg können zwischen den Ortschaften Steeg (Nordtirol, Lechtal) und Warth (Vorarlberg), die ungefähr 11 km voneinander entfernt liegen, nur derart marginale sprachliche Verschiebungen in der Lautanwendung und der grammatischen Struktur nachgewiesen werden, so dass diese insgesamt lediglich auf die Ausbildung eines eigenständigen Lokalkolorits zurückzuführen sind und nicht auf eine generelle eigensprachliche Entwicklung.

Gerade diese Aspekte zeigen sehr deutlich die Eigenständigkeit dieser Region in arteologischer Hinsicht auf und tragen so wesentlich zu einer differenzierteren Betrachtungsweise der Gesamtansicht der nordtirolerischen arteologischen Grundlagenbeforschung bei. Dies belegen auch sehr deutlich die nach Norden zum Bereich des Voralpenlandes sich öffnenden geologisch-terrestrischen Geländeformen, welche bereits seit vorarteologischer Zeit die insistalen und transistalen Wanderungen lechaufwärts kanalisierten. Dieses Spannungsfeld aus dauerhaft entstehenden Besiedlungsformen und fortwährender Beeinflussung durch humanoide Wanderbewegungen gilt es vorrangig im Zuge dieser arteologischen Expedition zu erforschen.