Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 14/3

Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 14/3

Bereits die Fundstelle als solche und ihre bautechnische Gestaltung ergeben ein in sich geschlossenes Bild einer zu kultischen Zwecken speziell gefertigten Stätte. Ausgehend von den Massen welche bei der Freilegung festgestellt wurden ist von einer  – wie sie heutzutage noch beinahe im gesamten Alpenraum vorzufinden sind – bildstockartigen Struktur zu sprechen, die in sich bereits das noch heute gängige Muster eines derartigen Bildstocks aufweist. Es ist zielführend sich bei der Analyse streng an den Wortinhalt des Begriffs Bildstocks zu halten. Dieser besteht aus zwei separat verwendbaren Hauptwörtern (Nomen), von welches jedes eine vollkommen eigenständige inhaltliche Bedeutung besitzt, welche in keiner direkten Beziehung zum jeweils anderen Hauptwort (Nomen) steht. Das Wort „Bild“ beinhaltet in seiner ursprünglichen Bedeutung die grafische, fotografische oder malerische Wiedergabe eines Gegenstands, einer Person, eines Tieres oder einer Landschaft, wobei in der Jetztzeit durchaus auch ungegenständliche Inhalte wie Gefühle und/oder mentale Kompositionen dargestellt werden können. Der Begriff „Stock“ bezieht sich zum einen auf einen normalerweise gerade gewachsenen hölzernen Ast oder auch Baumteil, welcher für unterstützende Zwecke bei Wanderungen oder dem Skilauf verwendet wird, oder aber auch für therapeutische Zwecke bei Verletzungen und/oder der Rehabilitation im Bereich des Bewegungsapparates. Weiters wird das Hauptwort „Stock“ auch für den Begriff einer Etage, etwa „erstes Stockwerk“, eines Gebäudes verwendet, begegnet uns aber auch im sprachlich sehr alten Begriff des „Bergstock“ oder auch „Gebirgsstock“, welcher eine eigenartige, gedrungene montane Felsformation beschreibt.

bildstock,, 1992, lechtal, dr. arkadasch, arteologieIn der Wortbildung „Bildstock“ wird der Begriff des „Stockes“ in klarer linguistischer Assimilation in einer Verbindung aus der Bedeutung „gerader, hölzerner Ast/Baumteil“ und der alten Bedeutung „eigenartige, gedrungene, montane Felsformation“ einer vollkommen neuen und dennoch fast lautmalerischen Verwendung zugeführt, die eindrucksvoll die Gesamtdarstellung eines Bildstockes beschreibt: Es handelt sich dabei um beinahe ausschliesslich religiöse oder mit religiösem Hintergrund verbrämte dem Volksempfinden entsprechende, oftmals nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtete, picturale Darstellung von religiösen Motiven oder religiösen, lokal verorteten Geschichten, welche an den vier Seiten eines gemauerten, oder gar aus Stein gehauenem Kubus angebracht sind und mit einem pyramidenhaften Dach gegen die Unbilden des Wetters geschützt sind. Zur besseren Erkennbarkeit dieser „Bildstöcke“, die samt und sonders in der freien Natur aufgestellt sind, gerne an Weggabelungen und Wegkreuzen, wird der bildnerisch gestaltete Kubus auf steinernen Säulen oder mancherorts auch auf Säulen aus heimischem Hartholz dergestalt präsentiert, dass sich die picturalen Gestaltungen dem Auge eines erwachsenen Betrachters in nahezu idealer Höhe offerieren. Es ist offensichtlich, dass infolge der Christianisierung des Nordtiroler Raums, diese Darstellung auf säulenartigen Sockeln aus dem bereits lange zuvor christianisierten italienischen Raum (und damit aus dem kulturellen Bereich der Römer und der antiken Griechen) übernommen wurde, während die sprachliche Bezeichnung „Stock“ klar auf die eigentlichen und eingeborenen Bezugswurzeln hinweist, die sich bis heute einer jeden Oktroyierung im Sinne einer architektonischen Ausdrucksübernahme erfolgreich entzieht.

Die an der Fundstelle „Furt“ im Lechtal vorgefundene Kultnische kann somit eindeutig als vorchristlich und damit hocharteologisch befundet werden, da hier einerseits bereits Elemente eines volksnahen, religiösen Ritualverhaltens feststellbar sind, andererseits jedoch der Schritt zu einer stelenhaften Gesamtdarstellung, wie es ein Bildstock per se beinhaltet, noch nicht vollzogen wurde. Die Kultnische bleibt in ihrer Grundform nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet, beschreibt in ihrer Vergeschichtlichung rituelle Zielsetzungen – wie etwa den Wunsch nach einer sicheren und unfallfreien Überquerung des Flusslaufes, bleibt aber gleichzeitig terrestrisch verbunden und zwingt somit den Betrachter zu einer demutsvollen Haltung bzw. einem rituellen Kniefall. Dies ist auch bei den bisherigen Nischenfunden (sh. „Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 15“) eindeutig belegt.