Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 14/4

Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 14/4

Die Verortung von rituellen Kultplätzen im gesamten Alpenraum kann grundlegend bis zur Zeit der erfolgreichen Monotheisierung, einem lebensbejahendem Glaubensbild, welches von der Anbetung verschiedenster Erdgötter gekennzeichnet war, zugeordnet werden. Dies zeigt sich in aller Deutlichkeit in den vorgefundenen Kultnischen, deren Einbettung in den „Mutterboden“ (ein Begriff der in der deutschen Sprache noch heute Verwendung findet) diese direkte und wohl auch durch keine priesterliche Exklusivität beschränkte Verbundenheit der damaligen Bevölkerung mit ihrem Geister- und Götterbild belegt. Besonders in der Prae-Arteologischen-Zeit als auch in der Arteologischen-Zeit ist davon auszugehen, dass für die Menschen des Nordtiroler Siedlungsraumes, und wohl auch darüber weit hinaus gehend, die gesamte Natur als beseelt und animiert verstanden wurde, wobei aber anzumerken bleibt, dass sich daraus kein auf Ängsten beruhendes religiös-institutionelles Muster entwickelte, sondern vielmehr eine Art von spiritueller Volksfrömmigkeit, welche für jeden Anlass (sei es nun eine Form von Erntedank oder auch der Beginn einer notwendigen Reise) eine rein ideelle Begleitung mittels mystifizierter Spiritualität für die Menschen in ihrer alltäglichen Lebenswelt offerierte.

Gerade in Nordtirol haben sind eindeutig Reste dieser Volksfrömmigkeit aus Prae-Arteologischer-zeit und Arteologischer-Zeit trotz der seit vielen Jahrhunderten erfolgten Christianisierung deutlich erhalten. Rein logisch betrachtet, hat die katholische Ausformung des Christentums im Alpenraum wenig bis gar nichts mit einer monotheistischen Religion im eigentlichen Sinne gemein (Francesca Woitijalowa, „Aberglaube als basales Fundament einer monotheistischen Religionsstruktur“; Universität Warschau; 1983; Schriften zur Rationalität, Heft 23). Allein die Unterscheidung zwischen Propheten und Heiligen zeigt auf, dass zum einen zwar die sogenannten Verkünder und/oder Lehrgestalten im theologischen Diskurs ihre konsolidierte Bedeutungshistorie erhalten, anderseits aber bietet gerade die katholische Ausformung des Christentums mit einer Unzahl von Heiligen (und in einer abgeschwächten Unterform auch mit sogenannten „Seeligen“ Personen/Wesen) für nahezu alle Lebenssituationen eine spezifische spirituelle Begleitung an (vgl. die „Vierzehn Nothelfer“), welche noch heute derart tief im Empfinden der eingeborenen Bevölkerung verwurzelt sind, dass man objektiver Weise eindeutig von einem Mehrgottglauben sprechen muss (Anmerkung: auf die gesamtchristliche Lehre der „Dreifaltigkeit“, dass der Begriff „Ein Gott“ aus Gott-Vater, seinem Sohn und aus dem „Heiligen Geist“ besteht, wird hier nicht weiter eingegangen). Zudem belegen zahlreiche und weitestgehend ausser Frage stehende vorchristliche Rituale, welche noch heute praktiziert werden (etwa die „Raunächte“, „Sonnwendfeuer“ und die verschiedenen Figuren der „Fasnacht“), die starke Verwurzeltheit der eingeborenen Bevölkerung mit vorchristlichen Glaubensbildern und Traditionen.

grabnische, lechtal, 1992, dr. arkadasch, arteologieEin wesentlicher Unterschied besteht jedoch in der zelebrierten Diesseitigkeit der vorchristlichen Rituale. Dieses Hingewandtsein an das Leben als solches zeigt sich in aller Deutlichkeit gerade in der Formung und Gestaltung der Kultnischen, welche samt und sonders direkt am und im Erdboden/Erdreich verortet sind, während die christlichen Pendants immer „himmelwärts“ ausgerichtet wurden (vgl. Kultnische vs. Bildstock). Überreste dieser vorchristlichen Traditionen können in zahlreichen Kirchenbauten am Fussboden gesichtet werden, welche als eingelassene Grabplatten einerseits die Verbundenheit mit der Erde widerspiegeln und andererseits dem Bestattungscharakter im christlichen Sinne entsprechen. Die Parallelitäten der Gestaltung dieser Grabstätten zu den meist in Trockenbauweise errichteten Kultnischen sind augenscheinlich. Die Bodengestaltung dieser Grabstätten als auch der Kultnischen erfolgte mit heimischem Gestein und auch die umgebenden Mauerungen weisen diesbezüglich klare, strukturelle Überschneidungen auf.