Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 15
Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass diese Kultnische keinerlei auf Dauer angelegte Fundamentierung durch einen unter die Frostgrenze reichenden Aufbau aus massivem Kalkgestein oder auch aus dem Flusslauf entnommenen, grossformatigen Flusssteinen aufweist. Dass es dennoch zu keinerlei basalen Verwerfungen und/oder Verschiebungen gekommen ist, welche dem seiner Trockenbauweise entsprechendem mörtellosem Aufbau irgendwelche setzungstypischen Schäden zufügte, beweist die hohe Kunst der fertigenden Handwerker, die ohne Frage sich eine sehr genaue, aus ihrer Erfahrung resultierende Kenntnis der bauphysikalischen Bedingungen vor Ort angeeignet haben mussten. Dies verlangte nach einer präzisen Kenntnis der Untergrundstrukturen vor Ort, insbesondere über die systemimmanenten Prozesse im Rahmen eines flussläufigen Geschiebes mit ständig wechselnden Wasserständen und jahreszeitlich bedingten, nahezu regelmässig wiederkehrenden Hochwassern. Der Bauplatz der Kultnische wurde zum einen durch den sich aus den Bedingungen vor Ort ergebenden Furtspezifika bestimmt und zum anderen aus den an der Baustelle vorgefundenen Strukturen der Bodenbeschaffenheit. Eine örtliche Abweichung oder planmässige Anpassung konnte dabei nur im Umkreis von wenigen Metern erfolgen, da ansonsten die rituelle Bedeutung des Bauwerks ad absurdum geführt worden wäre.
Der gesamte Uferbereich entlang der rechtsseitigen Ufereinfurtung besteht zum überwiegenden Teil aus mindestens kopfgrossen, durch die Verbringung mit dem Wasserlauf stark abgerundeten Kalksteinen, die mit den mitgeführten, leichteren Schottern eine sedimentäre Brekzie bilden. Typisch für derartige sedimentäre Brekzien ist ihre Entstehung in geringer Entfernung von jenem Ort, an welchem die Zertrümmerung des Ausgangsmaterials stattgefunden hat. Dies ist von der groben, kantigen Form der verbackenen, sich im Schotter befindenden Bruchstücke abzuleiten, da weite Transportwege (z. B. als Sedimenteintrag in Wasserläufen oder Gletschern) in der Regel zu einer Abrundung der Kanten führen. Anlass zur Entstehung einer Brekzie ist meistens eine Massenbewegung, wie zum Beispiel bei einem Bergsturz, einer Hangrutschung oder untermeerische Trümmermassen vor einem Riff. Die sich daraus bildende Struktur des Uferhanges verdichtete sich im Laufe der Zeit durch den andauernden Strömungsdruck des Flusses im Verein mit den natürlichen Setzungsbewegungen jeglicher tektonischer Schichten. Es war somit weder notwendig noch sinnvoll für den Unterbau der Kultnische einen eigenen Frostkoffer zu errichten, umso mehr, als diese Tätigkeit mit umfangreichen und tiefen Eingriffen in diese sedimentäre Brekzie verbunden gewesen wäre, welche in weiterer Folge zu einer Schwächung und Störung am gesamten Uferverlauf geführt hätten. Die Kultnische konnte daher direkt nach einer oberflächlichen Begradigung des Bauplatzes auf den Mutterboden der Böschung aufgesetzt werden.
Wie hoch das handwerkliche Geschick im Allgemeinen zu dieser zeit bereits gediehen war, zeigt auch der sensationelle Fund der als Triptychon ausgebildeten Cult-objecte, welcher weitestgehend unversehrt in dieser Kultnische entdeckt und freigelegt wurde. Es handelt sich dabei um drei metallene, zwischen 92 und ca. 98 mm lange, zum Grossteil flach ausgeführte Fundstücke, die in ihrer Funktionalität den bisher in Nordtirol vorgefundenen Cult-objecten (Ausgrabungen im Inntal, im Wipp- und im Stubaital) eindeutig, wenn auch als Weiterentwicklung zuordenbar sind. Dies belegt eindeutig, dass die insistalen Wanderbewegungen über das Hahntennjoch weitaus mehr als dem blossen Austausch von Waren und Gütern dienten, sondern vielmehr eine intrinsische und wohl auch extrinsische Beeinflussung im Sinne einer sozialen Vernetzung über die eigene Verortung des lokalspezifischen Bezugs hinaus dauerhaft initiierten. Die Fundung von relationsbezogenen Cult-objecten an verschiedensten geographischen Örtlichkeiten Nordtirols, die zudem einer gänzlich unterschiedlichen Assimilierung oder gar Okkupation von aussen unterlagen, belegt den konservativen Erhaltungsansatz eines aus den eigenen Traditionen heraus gestalteten Individualisierungsansatzes einer Bevölkerungsgruppe, welche sich rituell als auch physisch mit der Inbesitznahme des Siedlungsraumes nachhaltig zu identifizieren versucht.