Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 15/2

Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 15/2

Die Rückansicht dieser drei in der Kultnische vorgefundenen Cult-objecte gleicht sich in einer Art und Weise, dass an dieser Stelle einzig eine Rückseite einer genauen Beschreibung zugeführt wird; die genaue Analyse aller drei Objekte dieses Triptychons ist dem Heft 23/1993 aus der Reihe „Die analytischen Befundungen der arteologischen Funde der arteologischen Expedition ‚Lechtal‘ 1992“ der Arteologischen Zentralstelle Innsbruck zu entnehmen.

cult-object, rueckansicht, lechtal, 1992, arteologie, dr. arkadaschSämtliche Kanten wurden auf eine durchschnittliche Tiefe von 4 mm gefalzt, abgegrätet, entspant und geschliffen. Diese Falzung verleiht einerseits dem Objekt insgesamt eine innere Stabilität, wie sie durch die reine Gestaltung in Form eines Flacheisens niemals erreicht werden könnte und belegt andererseits ein handwerkliches Selbstverständnis, welches weit über die eigentliche Nutzungsverwendung eines Gebrauchs- oder auch Kultgegenstandes hinaus geht. Dies ist umso erstaunlicher, da keinerlei Gebrauchsspuren an keinem der drei Cult-objecte nachweisbar sind. Dennoch wurde hier mit sehr grosser Präzession und handwerklichem Aufwand ein Objekt geschaffen, welches in sich sämtliche Prämissen einer optimalen Verwendung aufweist. Weder wird die Handlichkeit der Objekte durch eine rein formalistische Gestaltung beeinträchtigt, obgleich – und hier kommt eindeutig die Wertigkeit der kultischen Zielsetzung zum Tragen – es wohl bereits beim Herstellungsvorgang ausser Frage stand, dass diese Objekte keinerlei täglichen Nutzungsverwendung im Sinne einer alltäglichen Verrichtung zugeführt werden, noch wird auf der Rückseite in rein szenarisch-fassadenhafter Form gearbeitet, wie wir es etwa von religiösen Skulpturen aus den christlichen Kirchen der eingeborenen Bevölkerung kennen, die meist an ihrer Rückseite lediglich eine grobe Verarbeitung erkennen lassen, die nur insoweit ausgeführt wurde, als dass sie dem dreidimensionalen Charakter der Figur entsprechen müssen.

Diese akribische Ausgestaltung in sämtlichen Details belegt die bedeutende innergesellschaftliche Stellung der kultischen Traditionen und unterstreicht die spirituelle Ernsthaftigkeit insgesamt, welche der damaligen Sozietät inne war. Während der Fund im Stubaital (vgl. „Stubaital, Juli – Oktober 1985, Ausgrabungsprotokoll 16“). Zudem beweist die weiterentwickelte Formensprache der beidschenkelig offenen Cult-objecte hin zu einer einheitlichen Form für alle drei Cult-objecte, dass zwar die handelstechnische Infrastruktur und im Zuge dessen auch der kulturelle und alltagsspezifische Erfahrungsaustausch mit Gruppen, Clans oder gar Stämmen aus dem süddeutschen Raum (heutiges Allgäu) lediglich in linguistischer Sicht Nachhaltigkeit erreichte (wie auch heute noch unschwer feststellbar ist; so gehört das nordtirolerische Ausserfern – also das Gebiet des heutigen politischen Distrikts „Reutte“ – eindeutig dem alemannischen Sprachkreis an und besitzt somit sprachlich eine gegenüber dem Rest von Nordtirol klar abgegrenzte Eigenständigkeit, die ihre linguistische Verwandtschaft zum im Westen befindlichen Bundesland Vorarlberg und zum süddeutschen Allgäu hin definiert), während Tradtionen, Sitten und Gebräuche dennoch klar einer gemeinsamen rituellen Genese entsprechen. Dies erscheint umso bemerkenswerter, als der gesamte Austausch an Waren, Gütern, und intellektueller Beeinflussung viel eher vom süddeutschen Raum her zu erwarten war und in rein genetischer Beweisführung der Gesamttypologie der eingeborenen Bevölkerung auch entgegengesetzt zum Wasserlauf des Flusses Lech her von Norden erfolgte, dennoch aber war es der nur in den Sommermonaten passierbare Weg über das Hahntennjoch, welcher dauerhaft den eigenen Entstehungsmythos und das daraus abgeleitete rituelle und tradierte Eigenverständnis formte. Am deutlichsten ist dies eben in Form, Ausgestaltung und der spezifischen Kultnutzung der vorgefundenen Objekte zu erkennen. Die gegenseitigen Assimilierungstendenzen von transalen und insistalen Infiltrationen unterliegen dem Primat der sozietiven Tauglichkeit und dürfen aus arteologischer Sicht daher keineswegs ausser Acht gelassen werden.