Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 15/3
Die Datierung dieses Triptychons markiert (+/- 15 Jahre; laut Radiocarbonuntersuchung der Freien Universität Izmir, Physikalisches Institut unter der Leitung von DDr. Achmed Acif) mit den Übergang von der Arteologischen Zeit zur Hocharteologischen Zeit und muss als bedeutender Fund mit soziokulturellem und rituellem Hintergrund gewertet werden. In sehr vielen (Natur) Religionen gilt die Zahl Drei als heilig; zudem ist sie eine Primzahl. Bereits bei der Grabung im Stubaital wurde eine Dreierkonstellation der Cult-objecte vorgefunden, jedoch bildeten diese Cult-objecte keine derart eindeutige Einheit wie der Fund „Lechtal“. Zum einen war die räumliche Systematik eines bewusst konzipierten Triptychons nicht gegeben und zum anderen wies nur ein einziges Cult-object eine formale Weiterentwicklung auf. Die beiden anderen Cult-objecte entsprachen in ihrer Gestaltung den bis dahin vorgefundenen Objekten bei den Grabungen im Inntal und im Wipptal.
Die kompositorisch einheitliche Ausformung aller drei Cult-objekte der Fundung „Lechtal“, sowie deren exakt parallele Ausrichtung von West nach Ost – wobei alle drei Spreitgabelungen der beiden geöffneten Schenkel nach Osten weisen – findet zusätzlich ihre Entsprechung in der architektonischen Gestaltung der Kultnische. Sämtliche Bodensteine wurden gleichfalls in West-Ost-Ausrichtung verlegt, und auch die Kultnische insgesamt unterliegt dieser Prämisse.
Mit der Christianisierung von Nordtirol wurden zahlreiche bisherige Kultplätze von der neuen Religion adaptiert. Eine Vorgangsweise die häufig mit dem Auftreten von neuen religiösen Strömungen einhergeht (z.B. die „Hagia Sophia“ in Istanbul) und entweder mittels autoritärer Gewalt durch neue Herrschaftsdynastien oder aber durch Assimilation der unterworfenen, eingeborenen Bevölkerung erreicht wird. Die Historie der transalen Wanderbewegungen ist durchwegs gekennzeichnet von bewusster Oktroyierung der unterlegenen und eroberten Gebiete mit den eigenen religiösen Vorstellungen und Ritualen. Dies reflektiert die Überzeugung, dass die eigenen Gottheiten und/oder Götter der siegreichen Seite aufgrund ihrer spirituellen Überlegenheit den Erfolg sicherten und somit gleichzeitig die einzige Wahrhaftigkeit der eigenen religiösen Vorstellungen beweisen. Gleichwohl bleiben vor allem in Randbereichen und im spirituellen Leben der einfachen Leute althergebrachte Vorstellungen und religiöse Überzeugungen weiterhin bestehen und finden ihren Ausdruck entweder in als „abergläubisch“ bezeichneten Ritualen, oder aber in adaptierten Versionen des neuen religiösen Glaubens.
Es entsprach insgesamt den religiösen Überzeugungen der eingeborenen Nordtiroler Bevölkerung, dass mit der Christianisierung zahlreiche deckungsähnliche Formalismen in der rituellen Ausrichtung übernommen werden konnten. Aus arteologischer Sicht stellt das Christentum keinen monotheistischen Glauben dar. So entspricht etwa die hierarchische Gliederung des theistischen Aufbaus, hier vor allem in der Unterart des Katholizismus, viel mehr dem religiösen Grundgedanken der antiken Religionen (Griechen, Römer) mit einer obersten Führungsriege und einem dorthin führenden Stufenbau der Glaubensordnung, beginnend von den Lebenden bis hin zu den unsterblichen Untergottheiten und Gottheiten. Die Reihenfolge: Priester (in der katholischen Ausformung ausschliesslich männlich), Selige, Heilige und dann erst das „Triumvirat“ Gottvater, Gottsohn und Heiliger Geist – entspricht hier nahezu exakt den antiken, okzidentalen Vorbildreligionen. Insbesondere die vorgegebene „Einheit“ aus Gottvater, Gottsohn und Heiligem Geist, trägt in sich die seit alters her „Heilige Zahl Drei“ und darf in ihrer „Unität“ von streng gläubigen Katholiken nicht hinterfragt werden. Gestalterisch wird diese „Einheit“ als Dreieck mit einem implizierten Auge dargestellt. Die Ähnlichkeit mit der gestaltungsspezifischen Darstellungsform des Triptychons im „Lechtal“ ist augenscheinlich. So können auch heute noch im gesamten nortirolerischen Raum klare Spuren dieser Verehrungsform für die „Heilige Drei“ vorgefunden werden: beginnend vom sogenannten „Dreifaltigkeitssonntag“, über die mythologische Geschichte der „Heiligen Drei Könige“, die „drei Kreuze am Berg Golgotha“, bis hin zur Geschichte der „dreimaligen Verleugnung durch Petrus“. Wobei festgestellt werden muss, dass in abgeschwächter Form diese rituellen und inhaltlichen Bezüge zur „Heiligen Zahl Drei“ insgesamt im Christentum manifest sind.