Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 16

Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 16

Vom grabungstechnischen Ansatz her sind Flussläufe jedwede Art prinzipiell ein schwierig zu erforschendes Gelände. Durch die meist jahreszeitlich bedingten und oftmals stark amplituden Schwankungen des Pegelstandes ist mancherorts sogar mit mehrmaligen starken Geschiebeverbringungen innert eines einzigen Jahres zu rechnen, welche nicht nur im angestammten Flussbett zu topografischen Veränderungen führen, sondern meist auch mit hochwasserartigen Situationen einhergehen, welche ganze Landstriche derart umgestalten, dass sowohl sämtliche verkehrsbedingte Infrastruktur als auch die Geländequalitäten insgesamt einer nachhaltigen topografischen als auch – regional betrachtet – geografischen Umstrukturierung unterliegen. Gleichzeitig bedingt das starke Geschiebe eines wasserreichen Flusslaufes unterschiedlich stark ausgeprägte Vermalungserscheinungen, welche in ihrer energetischen Kraft nahezu quadratisch zu einem ansteigenden Gefälle des Wasserlaufes zunehmen. Während wir es in Ebenen vorwiegend mit mäandernden und in ihrer Auswirkung eher in die Breite gehenden Fließbewegungen zu tun haben, ist insbesondere jede Bergregion von extremen Unter- und Überspülungen gekennzeichnet, die in ihrer unmittelbaren Folge ihre erosive Kraft nachhaltig entfalten (vgl. hiezu „Change and Covering oft he Landscape in the Early Mesopotamia“, Dr. Ruth Forester, 1976, Oxfordpress). Somit gilt für sämtliche Bergregionen, dass die Fundrelevanz mit zunehmender Verengung von Talschaften im Bereich der Uferregionen abnimmt, wiewohl auch generell davon auszugehen ist, dass dauerhafte Ansiedelungen in den geschützteren Bereichen oberhalb der normalen Hochwasserstände angelegt wurden.

Gerade jedoch der arteologische Ansatz mit seinem Schwerpunkt auf die transalen und insistalen Wanderbewegungen von Gruppen, Clans und Völkerschaften ist an die infrastrukturelle Bedeutung dieser Wasserläufe gebunden, da diese Wasserläufe gleichzeitig, zumindest in ihren nicht unmittelbar dem Hochgebirge angehörenden Flussbereichen, zu den bevorzugten und von der Natur vorgegebenen Wegrouten gehören. Selbst in Wüsten und Trockensteppen verlaufen die seit alters her bekannten Handelswege zu einem guten Teil entlang von ausgetrockneten oder nur zu bestimmten Zeiten wasserführenden Flussläufen.

Es gilt daher Knotenpunkt und Wegkreuzungen zu erkunden und zu beforschen, die auf Grund ihrer Lage einer möglichst geringen erosiven Dynamik unterliegen und somit einer dauerhaften Nutzung im Handels- und Reiseverkehr unterliegen. Dabei ist sowohl die innere Gesatltungskraft einer jeden verorteten Kultur mit einzubeziehen als auch ihren bautechnischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten Rechnung zu tragen. Im speziellen Fall des nordtiroler Raumes muss daher zwischen jenen Gebieten unterschieden werden, welche durch die römischen Besatzungen in einem antiken Strassennetz eingebunden waren (vgl dazu das Wippta- und das Inntal) und jenen Gebieten, die abseits dieses Wegenetzes lediglich mittels althergebrachter Handels- und Reisewege über kaum befestigte Trampelpfade oder gerade noch karrentaugliche, unbefestigte Wege erschlossen wurde.

herwig angerer, lechtal, 1992, arteologie, dr. arkadaschDas Lechtal („Ausserfern“) gehört überwiegend zu dieser zweiten infrastrukturellen Kategorie. Dies belegt die bauliche und fundamentale Konstruktion der Gestaltung des rechtsseitig gelegenen Furteingangs an der Grabungsstelle. Zudem ist anzumerken, dass zum überwiegenden Teil bei der Ausrichtung von späterhin römischen Strassen auf bereits vorhandene Wegführungen zurückgegriffen wurde, auch wenn diese dann verkehrstechnisch begradigt und/oder streckenweise neu trassiert wurden.

Die Ergebnisse der bisherigen Grabungen führten mit dem Fund der Kultnische und dem nahezu unversehrt geborgenen Triptychon zu einer dem gesamten Grabungsteam zu Gute kommenden neuerlichen Motivation, welche am 5. August 1992 mit einem weiteren spektakulären Fund ihren Höhepunkt fand: Unserem wissenschaftlichen Aquarellisten und Fotografen Herwig Angerer gelang es an diesem Tag auf der links vom direkten Furteingang gelegenen Uferböschungsseite einen humanoiden Fund freizulegen. Heureka!