Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 17
Es stellte sich im insgesamten Grabungsverlauf der Expedition „Lechtal“ eigentlich erst nachträglich heraus, dass in einem derartigen Gelände die übliche Vorgangsweise mit Sondierungsgrabungen im Parallelverschiebungsverfahren nicht von jenem Nutzen war, welcher üblicherweise mit diesem Grabungsverfahren verbunden ist. Bedingt durch die starke Geschiebeführung des Flusslaufes mit seinen durch die Strömung intendierten Vermalungstendenzen können tatsächliche Fundungen nur in jenem Bereich auftreten, welche ausserhalb der regelmässigen Überströmungen durch starkfliessende Gewässer liegen. Im reinen Hochwassergebiet, welches nur oberflächlich die zugrundeliegende Sode des Bodens fliessmechanisch bearbeitet, ist lediglich das verstärkte Auftreten von Sickerwässern oder aber ein unregelmässiger Pegelstand des Grundwassers von grabungs- und fundrelevanter Bedeutung. Organische Materialien sind in einer derartigen Konstellation nur in verknöcherter Form (wenn überhaupt) vorhanden, und selbst diese meist marginalen Fundstücke sind von einer umfassenden und dauerhaften Auflösung in Form von biochemischen Prozessen betroffen (sh. „Die Veränderung organischer Funde durch biochemische Prozesse im Rahmen von ständiger Divergenz, basierend auf wechselnde Feuchtigkeitsprozesse in einem erdnahen und irdenen Umfeld“, Johannes Deutmaier, 1947, Thübingen). Zudem muss gerade in stark kalkhaltigen Böden und Gebirgsstrukturen auf die zusätzlichen Verätzungen durch ausgeschwemmte Kalke hingewiesen werden, auch wenn umgekehrt unter günstigen Voraussetzungen mancherorts spektakuläre Verkieselungen vorgefunden wurden.
Die Sondierungsgrabungen der Expedition „Lechtal“ endeten überwiegend mit Leerfundungen, wobei zudem das häufige Auftreten von Sickerwässern und Einschwemmungen aus dem Pegelbereich des Flusslaufes die Arbeiten zusätzlich erschwerten. Zwar wurde die gesamte Grabungsmannschaft durch die Funde der Kultnische und des Triptychons in ihrem Eifer freudig bestärkt, jedoch waren mit zunehmender Dauer auch leitungsteamintern vermehrt Stimmen zu hören, welche die Sinnhaftigkeit dieser Parallelsondierungen zweifelnd in Frage stellten.
Am 5. August 1992 bezog unser Aquarellist und Fotograf am rechten Flussufer, am Fusse der dortigen Böschung Position um einerseits das Grabungsgelände für ein vorgesehenes dreidimensionales Modell abzulichten (dieser Wunsch wurde an die Expedition vom Landesschulrat für die Region Nordtirol herangetragen und die Expeditionsleitung konnte sich einem derartigen Wunsch nicht ohne weiteres verschliessen, auch wenn die Sinnhaftigkeit des Ganzen ausserhalb jeder wissenschaftlich-arteologischen Zielsetzung zu liegen scheint) und andererseits mit seinen zeichnerischen und handkolorierten Studien zur Kultnische und deren Umgebung fort zu setzen. Dazu bat unser Expeditionsfotografenmeister vier eingeborene Hilfsgrabungskräfte ihm einen etwa fünf Meter im Geviert grossen Platz anzuebnen, um dort mit seiner Staffelei bzw. seiner fotografischen Ausrüstung entsprechend arbeiten zu können. Bei dieser Planierungstätigkeit stiessen die Hilfsgrabungskräfte im unmittelbaren unteren Kantenbereich der Uferböschung auf die bereits bekannte Trockenmauerung, welche auch die meisten der bisherigen arteologischen Funde Nordtirols begleitete. Herr Herwig Angerer liess sofort sämtliche Planierungsarbeiten stoppen und hiess die Grabungsleitung mit Dr. Arkadasch umgehend zu informieren. Das besagte geviert wurde als erstes mit Sperrband abgegrenzt und jedem weiteren unbefugten Zutritt entzogen. Dr. Arkadasch Dag und Herr Herwig Angerer legten sodann gemeinsam die Fundstelle oberflächlich frei, um sofort mit dem Nachweis der tatsächlichen Relevanz das Expeditionsteam als Ganzes herbei zu rufen, um so die gesamte Mannschaft an diesem neuerlichen Erfolg teilhaben zu lassen.