Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 18
Besonders die eingeborenen Grabungskräfte drängten sich umgehend derart gegen die Absperrung, dass es durchaus vehementer Autorität bedurfte, um die Sicherheit der Fundstelle fürderhin zu gewährleisten. Dr. Arkadasch beorderte sein angestammtes wissenschaftlich-arteologisches Team zur Überwachung der Absperrung und drohte zudem sofort die weiteren Grabungs- und Fundbergearbeiten abzubrechen, wenn weiterhin mit derartiger Disziplinlosigkeit zu rechnen sei. So gutmütig die eingeborene maskuline Bevölkerung im Umgang mit Gästen zu sein scheint, so brüsk und oftmals beinahe feindselig bis ablehnend entpuppt sich die Nordtiroler Bevölkerung, wenn es nicht direkt um devisenbringende Personen geht, welche gewillt sind, ihren Aufenthalt in dieser zweifellos durchaus reizvollen Landschaft mit einem monetären Gegenwert zu honorieren. Dieser merkantile Zug offenbart sich bereits bei den Kindern, welche – vor allem in den verbliebenen agrarischen Familienbetrieben und im Beherbergungs- und Gaststättenbetrieb – von frühen Jahren an zur tätigen Mithilfe im Rahmen des elterlichen Betriebes angehalten werden. Diese Haltung reflektiert sich augenscheinlich in einem starken Hang zu einer beinahe schon übertriebenen Darstellung der eigenen Wertigkeit mit Hilfe von materiellen Statussymbolen. So neigt die nordtiroler Bevölkerung zu einer oftmals kitschig wirkenden Überladung der Fassadengestaltung ihrer Unterkünfte, welche gleichzeitig in architektonischer Weise vom – selbst von kritischen Eingeborenen derart bezeichneten – „Lederhosenstil“ geprägt wird. Es handelt sich dabei um in ihrer Grundstruktur bäuerlich wirkende Gebäude welche mit verschnörkeltem, ornamentalem Holzzierat in ausladendster Weise verunstaltet werden. Dies setzt sich im Blumenschmuck, der beinahe überall an Fenstern und Balkonen anzufinden ist, fort und findet seine Weiterführung in nahezu klinisch reinen Haus- und Hofeinfahrten, welche die Zufahrt zu generell streng eingezäunten und abgeriegelten Grundstücken darstellen. Dieses Sich-Abkapseln spiegelt wohl auch die Enge der Talschaften und die damit soziokulturell mit einhergehende geistige Enge der eingeborenen Bevölkerung wider, welche allem ungewohnten und fremden zuerst mit Ablehnung und Skepsis gegenübertritt und erst in weiterer Folge von einer vorsichtigen und misstrauischen Neugier in manchen Fällen abgelöst wird. Umgekehrt kennt der tiroler Eingeborene oftmals aber keinerlei Scheu, wenn er glaubt, auf Grund seiner Position das Recht zu haben unmittelbar an einem wichtigen Geschehen teilhaben zu können.
Diesem Selbstverständnis nachhaltig entgegenzutreten war somit die wichtigste Erstmassnahme um den humanoiden Fund, welcher von Herrn Herwig Angerer freigelegt wurde, zu schützen. Zudem verschlechterte sich das Wetter an diesem 5. August hin zur Unbeständigkeit und es war jederzeit mit einsetzenden Regenschauern zu rechnen. Ehe daher mit der professionellen Bergung des Fundes begonnen werden konnte, musste die nun vor unbefugtem Zutritt gesicherte Fundstelle eingezeltet werden und mit den notwendigen Seitendrainagierungen versehen werden.
Wie unablässlich derartige Vorbereitungen sind, zeigte sich in der Nacht auf den 6. August, als stundenlanger Regen nicht nur den Wasserstand des Flusses Lech um gut 10 cm ansteigen liess, sondern auch die Uferbereiche und Gangpfade im Grabungsgebiet nur mehr erschwert passierbar machte. Dank der vorausschauenden Sicherungsarbeiten konnten die weiterführenden Vermessungs- und Kartographierungsarbeiten der Fundstelle dennoch planmässig durchgeführt werden.
Die Bergung des humanoiden Fundes folgte exakt den wissenschaftlic-arteologischen Vorgaben, sodass es zu keinerlei weiteren Beschädigungen mechanischer Art am Fundstück kam. Die generelle Problematik, dass mit der Freilegung eines organischen Fundstückes die chemischen Prozesse, welche mit seiner Verbringung an die Oberfläche und damit in eine sauerstoffhaltige Umgebung einhergehen, nicht absolut aufgehalten werden können, stellt nicht nur arteologische, sondern auch archäologische Expeditionen immer wieder vor grosse Herausforderungen. Es ist daher unabdingbar, vor der endgültigen Bergung nach Möglichkeit ein wissenschaftliches Umfeld zu gestalten, welches die weitere Beforschung nicht unnötig erschwert oder gar verunmöglicht.