Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 24

Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 24

An den vermeintlichen „Nebenschauplätzen“ einer Expedition zeigt sich meist die immense Wichtigkeit einer interdisziplinären Zusammenarbeit verschiedenster wissenschaftlicher Richtungen. Für den einzelnen Experten sind zwar die eigenen Zielsetzungen oftmals klar definiert, der Weg jedoch, wie diese Ziele zu erreichen sind, erfordert meist Wissen und Ressourcen, welche dem eigenen Lehrgebiet, wenn überhaupt, nur marginal zur Verfügung stehen. So ist es ein grundlegendes Bestreben jeder arteologischen oder auch archäologischen Expedition die Fundstücke nach Möglichkeit in ihrem originalen Zustand zu bergen zu sichern. Während noch in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts das Hauptaugenmerk auf einer möglichst fundspezifischen optischen Erhaltung der Fundstücke gelegen hat – und bereits diese Aufgabenstellung sowohl die wissenschaftlichen als auch finanziellen Mittel erschöpfte (sh. die Renovierung des Parthenon [griechisch παρθενών „Jungfrauengemach“]-Tempels auf der Akropolis, wo mit rostenden Stahlklammern versucht wurde die Marmorblöcke zu verbinden und diese dann durch die einsetzende Korrosion einen noch weitaus grösseren Schaden am Tempelgebäude anrichteten), wird nunmehr bewusst darauf geachtet neben der optischen Erhaltung der Fundstücke diese auch derart zu sichern, dass weiterführende wissenschaftliche Analysen, selbst zu einem späteren Zeitpunkt, durchgeführt werden können.

Die meisten Artefakte bei Ausgrabungen werden daher mit Proben des umgebenden Geländes gelagert und archiviert, um aus diesen Begleitmaterialien soziohistorische Rückschlüsse und auch klimatische, sowie florale Rückschlüsse ziehen zu können. So können mittlerweile aus Pigmentresten nicht nur Farbgebungen und gestalterische Verfahrenstechniken entschlüsselt werden, vielmehr ist auch eine relativ genaue Verortung der verwendeten Rohstoffe auf ihre Herkunft und Gewinnung erforschbar. Diese Daten wiederum erleichtern den Historikern und Soziohistorikern ihre Arbeit ungemein. Nicht mehr allein die Erhaltung der Artefakte für museale Zwecke steht somit im Vordergrund, sondern ebenso die Grundlagenbeschaffung für die weitere wissenschaftliche Bearbeitung.

Während noch ägyptische Mumien im 19. Jahrhundert sorglos für unterhaltliche Absichten unwiederbringlich zerstört wurden, so sind auf dem Gebiet der Erhaltung von humanoiden Funden seit der Auffindung der Mumien in der südamerikanischen Atacamawüste im Jahre 1917 grosse Fortschritte erzielt worden, wobei gerade in diesem speziellen Fall die klimatischen Bedingungen einer Trockenwüste diese Erhaltung derart förderten, dass noch in den 1960er Jahren und späterhin pathologische Forschungen möglich waren und sind. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse führten zu einer generellen Neuorientierung im Bergeverfahren von humanoiden Funden: nunmehr liegt das Augenmerk auf einer raschen Bergung mit möglichst geringem Kontakt zur Aussenluft und einer fundentsprechenden Lagerung in hermetisch abschliessbaren Behältnissen.

Dazu wurde von Dr. Arkadasch und seinem Team jener Bergungscontainer entwickelt und laufend adaptiert, der mittlerweile zur Standardausrüstung einer jeden arteologischen und archäologischen Expedition zählt, bei der mit humanoiden Funden zu rechnen ist.

bergungscontainer, lechtal 1992, dr. arkadasch, arteologieIn seinen Ausmassen handelt es sich um einen normierten Transportcontainer, sodass sowohl ein Transport per LKW, Bahn, Schiff oder auch Flugzeug jederzeit ohne grössere logistische Probleme durchgeführt werden kann. Zudem ist dieser Container mit hydraulischen Spreizfüssen versehen, sodass eine Planstellung selbst in abschüssigem Gelände problemlos durchführbar ist. Mittels externen Modulen kann innert kürzester Zeit die autarke Energieversorgung des Containers gewährleistet werden. Der Container selbst ist rundum mit 15 cm Spezialisolierung versehen, sodass ein Einsatz in nahezu allen klimatischen Bedingungen gewährleistet bleibt. Der kleine Vorraum dient der Dekontaminierung des wissenschaftlichen Personals, welches erst nach Passieren einer zusätzlichen Sterilitätsschleuse den Innenraum betreten kann. Hier steht ein den Umständen entsprechend umfangreiches Labor zur Verfügung, genauso wie eine Nirostafläche für verschiedenste pathologische Untersuchungen. Die gesamte Rückwand des Containers beinhaltet vier vollklimatisierbare Boxen, welche vollautomatisch anhand der Daten des Fundortes ein dem Fundstück adäquates Lagerklima in weniger als einer Stunde erzeugen und so gewährleisten, dass die humanoiden Fundstücke möglichst in einem dem bisherigen Lagerung entsprechenden Umfeld für weitere Untersuchungen erhalten bleiben. Eine transportable Einheit, die von vier Männern bedient und transportiert werden kann, um auch die Einbringung des Fundstückes vom Fundort in den Bergungscontainer fachgerecht durchführen zu können, rundet diese Bergeinfrastruktur ab.

Ohne die planerische und arbeitstechnische Mithilfe von Dr. Armin Lengauer, Herrn Herwig Angerer und dem Acrylglacialiker Mag. Peter Stolz wäre eine derart rasche und professionelle Umsetzung dieses Bergecontainers nicht möglich gewesen. Auch sei an dieser Stelle dem Senat der Freien Universität Izmir gedankt, welche die finanziellen Mittel dafür zur Verfügung stellte.