Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 26
Auffallend ist zudem, dass diese rechte männliche Hand in ihrer morphologischen Struktur eher feingliedrig wirkt. Respektive des Gesamtschwundes an Masse welcher durch die Mumifizierung und dem damit einhergehenden Verlust von Wasser verbunden ist, bleibt dennoch die Tatsache bestehen, dass diese Hand keinerlei muskuläre Besonderheiten aufweist, welche durch einen langanhaltenden und regelmässigen Gebrauch eines bestimmten Bewegungsmusters, wie er etwa bei der kontinuierlichen Ausübung bestimmter handwerklicher Massnahmen einhergeht, sich in der Ausbildung von verstärktem Muskelgewebe niederschlagen müsste. Auch die Analyse der Sehnen und Gelenke zeigt keinerlei Erscheinungen, die auf eine zur damaligen Zeit übliche Tätigkeit, welche mit der grundlegenden Erhaltung und Befriedigung der unmittelbaren Lebensbedürfnisse, schliessen liessen. Ausgehend von der ökonomischen Situation der damaligen eingeborenen Bevölkerung gilt, dass wohl mehr als 90 % unmittelbar im landwirtschaftlichen Bereich tätig waren und, neben der für derartige rurale Gemeinschaftsformen typischen Herrschaftselite nur relativ wenige Personen im Handel oder einem noch primitiv spezialisierten Handwerk tätig waren. Selbst die Schicht der herrschenden Klasse pflegte dabei den Umgang mit den für diese Zeit spezifischen Bewaffnungen, da ein nicht unwesentlicher Teil der legislativen und exekutiven Vormachtstellung in der Ausübung eines uneingeschränkten Gewaltmonopols fundierte.
Selbst der weibliche Bevölkerungsanteil war (und ist es auch heute noch) mehr als arbeitsteilig in meist schweren, körperlichen Tätigkeiten eingebunden; sei dies nun die Feld-und Waldarbeit, die Hilfsdienste in den Werkstätten, oder aber die generelle Versorgung der Familienmitglieder mit Nahrung und Kleidung.
Dass umgekehrt ein männliche, rechte Hand mit einem Lebensalter von Mitte dreissig, welche keine einzige der sonst üblichen, alltäglichen Lebensspuren aufweist, weder adäquate Schwielenbildungen oder gar Narben vorangegangener Verletzungen, einem derart aufwendigen Verfahren wie es die Mumifizierung darstellt, unterzogen wurde, weist zum einen auf die herausragende Stellung dieser Person zu Lebzeiten hin und zum anderen auf die spezifische Wertigkeit insgesamt, welche dem Rollenbild dieser Person zuzuschreiben ist.
Der Kontext zur Fundstelle an dieser Furt belegt, dass es sich dabei weder um eine administrative Ausformung der ökonomischen und infrastrukturellen Bewirtschaftung dieser Schlüsselstelle am Handelsweg durch das Lechtal handeln kann, noch um eine rein zufällige Fundung eines humanoiden Relikts – wie folgerichtig aus dem Verfahren der Mumifizierung ableitbar ist. Vielmehr stellt diese Hand einen wesentlichen Teil der spirituellen Verortung solcher für das Überleben als Ganzes wichtigen lokalen Örtlichkeiten dar und muss somit im Gesamtbild aus Kultnische und Triptychon einer einheitlichen Betrachtungsweise zugeführt werden.
Generell gilt für Kultplätze, dass diese an wichtigen und bedeutenden Landmarken, welche sich meist aus ihrer besonderen topographischen Lage ergeben, angesiedelt werden, Da diese Plätze zudem häufig mit gleichzeitig erfolgenden oder späterhin einsetzenden Beniederlassungen verbunden sind – so steht in den meisten dauerhaft besiedelten Gebäudeansammlungen eine Tempelanlage, eine Kirche oder eine sonstiges, einzig der spirituellen Verwendung zugedachtes Gebäude im Mittelpunkt – findet eine permanente Wechselwirkung zwischen politischer Machtdemonstration anhand von Wehr-und Schutzbauten sowie religiösen, die eigene ideelle Vormachtstellung präsentierenden Ritualgebäuden statt.
Für den inneren Zusammenhalt und das Selbstverständnis einer Gruppe ist aber die spirituelle Vergemeinschaftung von wesentlich nachhaltiger Bedeutung, als die primäre Erhaltung der politischen Vormachtstellung. Dies zeigt sich besonders in Enklaven oder aber dem hartnäckigen Festhalten der eigenen rituellen Sitten und Gebräuche im Falle einer Okkupation, selbst wenn diese sich über die Zeit hin als im weitesten partnerschaftlich zeigen sollte.
Der humanoide Fund des „Lechi“ kann daher als rituelles Symbol des Besitzstandes der ansässigen Bevölkerung verstanden werden und bildet gleichzeitig eine Bedeutungsmöglichkeit in deren spirituellen Lebenswelt. Die aufwendige und hochwertige Form der kultischen Artefakte, sowie die Präsentation einer narbenlosen, von schwerer Arbeit befreiten Männerhand spiegeln die generelle Sehnsucht nach einem Dasein in Harmonie und befreit vom Fron der täglichen Mühsal wider. Gleichzeitig wird diesem kultischen Kompendium der spirituelle Schutz dieser Furt überantwortet, da gerade an einem von einem Handelsweg gekreuzten Flusslauf nicht nur mit wirtschaftlichen und politischen Fremdinteressen zu rechnen ist, sondern auch die Natur mit all ihren Gefahren permanent zugegen ist.