Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 27
Die besondere geografische Lage des Lechtals/des Ausserferns verdient eine genaue Betrachtung und einen eingehenden Vergleich der manuellen Entwicklung der vorgefundenen Artefakte mit jenen Fundstücken welche bisher bei den bereits vorangegangenen Ausgrabungen im Raum Nordtirol entdeckt und geborgen wurden. Für jede gesellschaftliche Entwicklung stellt der Fortschritt in der Verwendung von mechanischen Hilfsmitteln und in weitere Folge die eigenständige Bearbeitung von verschiedensten Materialien zur Gewinnung von Werkzeugen und werkzeugähnlichen Instrumenten einen qualitativen und in weiterer Folge auch ökonomisch quantitativen Zugewinn an Wissen, Erfahrung und verwendbarer technologischer Erweiterung der eigenen Möglichkeiten dar.
Ausgehend von der ursprünglich direkten Verwendung von verschiedenförmigen Steinen und Felsbrocken über unbearbeitete Holzstöcke und Stangen, stellt die erste bewusste Bearbeitung von Steinen zu Faustkeilen und von Holzstücken zu gezielt geformten Arbeitserweiterungen der eigenen Hand einen Quantensprung in der humanen Existenz als solcher dar. Nicht nur die manuelle Tätigkeit der Bearbeitung verdient dabei eine genaue Betrachtung sondern weit mehr noch die cognitive Leistung, welche einer derartigen Bearbeitung zwingend vorangehen muss. Selbst unter der Prämisse, dass wohl die ersten werkzeuglichen Gebrauchsentscheidungen einer dem Zufall verdankten unbewussten Verwendung entsprungen sein mögen, bleibt festzuhalten, dass spätestens mit der Bearbeitung von Naturmaterialien eine abstrahierende Gedankenentscheidung vorab zwingend erfolgte, welche wiederum aus sich heraus einen kommunikativen Ansatz in der Erklärungstypologie innerhalb der eigenen Gruppe einforderte. Somit verlangt die Umsetzung einer Idee, welche zu einer neuartigen und gänzlich dem ursprünglichem, von der Natur vorgegebenem Zweck vollständig unterschiedlich ist – wie etwa die Verwendung eines Stockes, der ursprünglich als Blatt- und Fruchtstandproduzent einer Pflanze diente, und nunmehr als Rutenstock einer Fischerangel verwendet wird – nach der Fähigkeit der gedanklichen Abstraktion und einer daraus resultierenden Ergebnishaftigkeit, die zugleich eine Ein – und/oder Unterordnung für ein dem bisherigen Zweck fremdes, wenn nicht gar aus seiner Unbearbeitetheit heraus unmögliches Ziel darstellt. Diese Gedankenleistung ist nur mit einem Grundverständnis von sprachlicher Aktivität vereinbar, da jede Abstraktion per se gleichzeitig einen artikulativen Bennenungsmodus, der über die eigene gegenwärtige Situation hinaus nach einer bewussten Entscheidung für ein zukünftig erwartbares Verhalten nach sich ziehen muss. Das Bewusstsein seiner selbst, sowohl um die eigene Person als auch die eigene Individualität, stellt dabei eine unumgängliche Notwendigkeit dar, da jedes planende Verhalten, wie es nun einmal die Erzeugung eines Werkzeuges, welches erst nach der Fertigstellung in einer von der Gegenwart noch nicht erreichten Zeitspanne darstellt, einer bewussten Verortung im Jetzt bedarf. Dies bedingt zum einen die Wahrnehmung der Unterschiedlichkeit der eigenen Person zu den restlichen Mitgliedern der Gruppe und andererseits die im Alltag gelebte und erfahrbare Gewissheit der Zugehörigkeit zu eben dieser Gruppe. Mit dieser Erkenntnis der eigenen Individualität und der gleichzeitigen Eingebettetheit in ein soziales Gefüge entsteht jene Form der sozialen Verantwortlichkeit und Zugehörigkeit, welche aus sich heraus die Notwendigkeit einer kommunikativen und damit sprachlichen Verbindung definiert und damit zwingend zu einer artikulativen Abstraktion mit Hilfe von Lauten, Silben und späterhin auch Worten führt, die ihren Ausdruck in weiterer Folge in der Entwicklung und Entstehung von aussersprachlichen Fähigkeiten findet und schlussendlich im kreativen Umgang mit bisher einzig der Natur vorbehaltenen Materialien mündet.
Es ist somit das Artefakt als solches, welches vom arteologischen Standpunkt aus betrachtet, einen genauen Einblick in die cognitive Genese einer Sozietät bietet.