Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 28
In der öffentlichen Betrachtung sind es zweifellos die humanoiden Funde welche sowohl medial als auch in der allgemeinen Diskussion die grösste Beachtung finden. Dennoch muss vom arteologischen Standpunkt aus betont werden, dass es in der wissenschaftlich-arteologischen Betrachtung die Artefakte sind, welche den relevanten Bezug zur Entwicklung einer Sozietät beinhalten. Gleichwohl ist einzuräumen, dass seit der Entdeckung der Mumie des Tutanchamun im Jahre 1922 durch Howard Carter neben dem gewaltigen öffentlichen Interesse auch die historische und – seit den letzten Jahrzehnten – auch die arteologische Grundlagenerforschung eine bedeutende mediale Unterstützung erfuhr, welche neben der wissenschaftlich, monetären Dotierung auch ihren Niederschlag hin bis zur filmischen Unterhaltungsindustrie gefunden hat.
Wissenschaftliche Arbeit ist immer auch ein Spiegelbild der allgemeinen gesellschaftlichen Kultur. Selbst wenn die Allgemeinheit auf den ersten Blick überwiegend zum Konsum von Tatsachen verdrehenden und verzerrenden Stereotypen neigt, so muss doch, wie das Beispiel des Gräberfundes von Howard Carter zeigt, umgekehrt eingestanden werden, dass im Laufe von mehreren Jahren auch die wissenschaftlichen Ergebnisse Einzug in die Allgemeinbildung und in die Schulbücher halten. Es ist somit eine nicht zu unterschätzende Aufgabe aller wissenschaftlich Tätigen, die Erfahrenswelt der nicht direkt beteiligten Bevölkerungen derart mit einzubinden, dass daraus in weiterer Folge ein global verwendbares Wissen an Daten und Tatsachen entsteht, welches insgesamt unserem Verständnis um das Werden und Gedeihen unserer eigenen Spezies dienlich ist. Es ist dabei nicht die Aufgabe der Wissenschaft die kreativen und oft auch boulevardesken Interpretationen ständig zu hinterfragen und ob ihres mangelnden wissenschaftlichen Inhalts zu kritisieren, vielmehr muss das Bestreben von Lehre und Forschung dahin gehen, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeiten über eine breit angelegte und interdisziplinäre Forschung als bildungsmässigen Allgemeingut zu deklarieren, welches in weiterer Folge die zukünftige Grundlagenforschung ausser Frage stellt und die monetäre Dotierung entsprechend sichert. Wissenschaft per se ist nicht zweckorientiert sondern einzig der verifizier- und falsifizierbaren Wahrheit verpflichtet. Dass dieser – in wissenschaftlichen Kreisen –ausser Frage stehende Ansatz jedes Mal aufs Neue betont und eingefordert werden muss, stellt umso mehr eine Notwendigkeit dar, als die politisch Verantwortlichen, jenseits von oft nationalistischen Interessen, die reine Forschung als eine Art von Luxus betrachten, welcher a priori keinerlei relevante Auswirkung im ökonomischen Alltag vorweist.
Der humanoide Fund im Lechtal erleichtert somit generell die weitere Erforschung der arteologischen Funde in Nordtirol, da die damit einhergehende öffentliche Interessensbekundung den Ressourcenzugang insgesamt wesentlich erleichtert.
Sowohl der „Lechtaler Triptychon“ als auch die Kultnische, welche in Trockenbauweise diesen Triptychon beherbergte, stellen aus arteologischer Sicht den bedeutendsten Fund bisher im Lechtal dar. Die Weiterentwicklung der Formensprache dieser metallenen Cult-objecte beweist, dass einerseits zwar eine generell starke und immanente Beeinflussung aus dem süddeutschen Raum die gesellschaftliche, kulturelle und rituelle Genese indoktrinierte, andererseits belegt die eindeutige gestalterische und materialbearbeitende kunsthandwerkliche Vorgangsweise eine deutliche kommunikative Verschränkung mit dem Inntal und seinen restlichen Seitentälern. Die Inhomogenität der Bevölkerung Nordtirols beruht auf ihren geografischen Besonderheiten, welche eine innere kontinuierliche Gestehung als Gemeinschaft verunmöglichten, gleichzeitig aber über den Umweg der rituellen Vergemeinschaftungen eine stark inklusive Stammeswerdung implizierten. Es ist dieses Spannungsfeld aus transitalen und insistalen Beeinflussungen welche das Forschungsprojekt „Nordtirol“ derart spannend und interessant machen.