Arteologische Kontextbefundung der fundrelevanten Grabungsergebnisse der Grabungsstelle „Lechtal“, Team „Lechtal“; Bearbeitungsstatus: Oktober 1992.

Arteologische Kontextbefundung der fundrelevanten Grabungsergebnisse der Grabungsstelle „Lechtal“, Team „Lechtal“; Bearbeitungsstatus: Oktober 1992.

Arteologische Kontextbefundung der fundrelevanten Grabungsergebnisse der Grabungsstelle „Lechtal“, Team „Lechtal“; Bearbeitungsstatus: Oktober 1992.

 dr. arkadsch, arteologie

1.     Primäre Gesamtsichtung der inhumanoiden Artefakte in Bezug auf besiedlungstechnische und habitatsimmanente arteologische Strukturen:

Die Funde der Grabungsstelle „Lechtal“ lassen sich in drei Kategorien einteilen:

1)    metallene Miniaturen

2)    rituelle, habitatsimmanente architektonische Fragmente, und:

3)    humanoide Funde

ad 1) Die Besonderheit der Grabungsstelle „Lechtal“ liegt in ihrer speziellen Bedeutung als Kreuzungspunkt von zwei Handelswegen – wobei der Handelsweg in Richtung Südwesten, also dem Flusslauf folgend hin zu seinem Quellgebiet, wohl als der bescheidenste Teil dieser Routen zu nennen ist, da er im Grunde genommen lediglich dem täglichen Geschäft der Viehzüchterei sowie den wenigen okonomisch bedingten Wanderzwängen der taleinwärts hausenden Bevölkerungsteile diente. Es gibt bisher keinerlei Hinweise, dass tatsächlich ein regelmässiger Austausch über das Gebiet des heutigen Grosshansenwaldes und des Krumbachs, ein kleiner Seitenarm des Flusses Lechs, der ab seiner Einmündung in den Fluss Lech für mehrere hundert Meter bachaufwärts die Grenze zwischen den Bundesländern (Distrikten) Nordtirol (im Osten) und Vorarlberg (im Westen) bildet, stattgefunden hat. Von einer tatsächlich relevanten insistalen Koinzidenz kann wohl erst im Laufe des späten 19. Jahrhunderts, bzw. den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gesprochen werden, als mit der Errichtung einer wenigstens teilweise winterfesten Verkehrsstrasse eine regelmässig begeh- und befahrbare Verbindung zwischen dem nordtiroler Lechtal und den vorarlbergerischen, angrenzenden Gemeinden geschaffen wurde. Vom arteologischen Standpunkt aus betrachtet, ist es dieses Gebiet durchaus Wert einer späteren, eingehenden Beforschung durch lokale wissenschaftliche Kräfte unterzogen zu werden. Zur Zeit kann lediglich spekuliert werden, an welchem Flussufer dieser lokal durchaus wichtige Weg/Pfad seine unbefestigte Trassierung hatte.

An der Grabungsstelle „Lechtal“ verbinden sich somit drei gleichwertige, überregionale Handels- und Verkehrsrouten, sowie eine untergeordnete Verkehrszubindung von lokaler Bedeutung. Dies zeigt sich auch sehr deutlich in der artifiziellen Ausarbeitung des rituellen Fundes am Furteingang. So steht für jeden einzelnen Handelsweg – einmal über das Hahntennjoch nach Imst/Inntal, einmal von der Gemeinde Elmen zum Hauptort des Ausserferns Reutte und einmal in die umgekehrte Richtung – ein Cult-Object in nahezu identer metallener Ausarbeitung. Auch wenn die Analyse eindeutig belegt, dass hierbei keinerlei originäre Gestaltungsmerkmale in Bezug auf kreative Intention zu vermerken sind, so muss dennoch der rigide handwerkliche Ansatz in der Bearbeitung dieser metallenen Miniaturen hervorgehoben werden. Die Verarbeitung dieser metallenen Miniaturen erfolgte manuell und weist grosse Ähnlichkeiten mit verschiedenen Funden im süddeutschen Raum auf. Sowohl die Spuren der verwendeten Werkzeuge ganz allgemein, als auch die ausführende handwerkliche Technik belegen die starke Beeinflussung der sesshaften oder halbnomadischen Bevölkerung jener Zeit durch transistalen und zumindest über einen längeren Zeitraum andauernden Austausch mit Clans und Gruppen aus dem süddeutschen Raum. Hingegen konnten keinerlei signifikante Parallelitäten mit Fertigungstechniken, wie sie etwa im vorarlbergerischen oder helvetischen Raum vorzufinden sind, festgestellt werden.

ad 2) Die an der Fundstelle „Furt“ im Lechtal vorgefundene Kultnische ist eindeutig als vorchristlich und damit hocharteologisch befundet. Es sind hier bereits Elemente eines volksnahen, religiösen Ritualverhaltens feststellbar, andererseits wurde jedoch der Schritt zu einer stelenhaften Gesamtdarstellung, noch nicht vollzogen. Die Kultnische bleibt in ihrer Grundform nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet, beschreibt in ihrer Vergeschichtlichung rituelle Zielsetzungen – wie etwa den Wunsch nach einer sicheren und unfallfreien Überquerung des Flusslaufes, bleibt aber gleichzeitig terrestrisch verbunden. Die Kultnische selbst wurde schlicht gestaltet. Sie misst in ihrer ausgegrabenen und vorgefundenen Gesamtlänge etwa 33 cm, dürfte jedoch insgesamt etwa einen halben Meter betragen, die nur mehr in einem Eck die ursprüngliche Trockenmauerung vorhanden ist. Die Höhe von 16 cm erscheint insoweit stimmig, als von einer hölzernen Überdachung auszugehen ist; dies ist aus einer künstlich hergestellten Einkerbung zur Aufnahme von Tragebalken an einem Simsstein ablesbar. Sowohl der Boden als auch die in Trockenbauweise hergestellten Wände wurden aus heimischem Kalkstein gefertigt. Der ausgegrabene Boden besteht aus zwölf etwa handflächengrossen, flachen Kalkkieseln, welche nahezu fugenlos ineinander verlegt wurden. Der Untergrund wurde mit groben Sanden sedimentfrei vorbereitet, um so jedes Oberflächenwasser rasch und nachhaltig der Versickerung zuzuführen. Die Wände des ausgegrabenen Ecks sind frei tragend in Trockenbauweise auf die Grundfläche selbsttragend aufgeschichtet, wobei die untere Kantenführung durch ein mehrere Zentimeter den Mauerrand überragendes Fundament dauerhaft gestützt werden. Die Sorgsamkeit der Errichtung weist in ihrer statischen Ausführung polygonale Ansätze auf, welche sämtliche Druck-und Zugkräfte der Mauerkonstruktion aber auch des darüber befindlichen Dachstuhls seitwärts in die Fundamente leitete. Diese Mauertechnik ist im gesamten Bereich der Ostalpen verbreitet und kann nicht spezifisch verortet werden. Umgekehrt jedoch verweisen sämtliche säkularen Bauten dieser Zeit weder die Sorgsamkeit noch das handwerkliche Geschick dieser rituellen Bauten auf, so dass davon ausgegangen werden muss, dass für die Errichtung und Gestaltung dieser rituellen Bauwerke auf nichteinheimische Spezialisten zurück gegriffen wurde. Diese Vorgangsweise belegt die artifizielle Bescheidenheit der eingeborenen Bevölkerung vor Ort und führt zur Schlussfolgerung, dass die örtlichen Eliten bewusst auf auswärtiges Wissen und auswertige technische Errungenschaften zurückgriffen, um so den eigenen Anspruch der legitimen Herrschaft im Einvernehmen mit der spirituellen Priesterschaft zu untermauern.

2.     Arteologische Befundung des humanoiden Fundes der Grabung „Lechtal“:

Die Entdeckung, Sicherung und fachgerechte Bergung der rechten, maskulinen Hand im Nahbereich der Kultnische ergänzt in ihren analytischen Ergebnissen die arteologische Kontextbefundung der nichthumanoiden Funde. Gerade weil davon auszugehen ist, dass an einem derart relevanten Kreuzungspunkt von Handels- und Verkehrswegen, der zudem durch seine den Fluss Lech überquerende Furt von grosser ökonomischer und strategischer Bedeutung ist, eine ständige Anwesenheit von Personal erforderlich war, ist es bemerkenswert, dass weder Restfundamente von Gebäuden, noch artifizielle Fundungen von alltäglichen Gebrauchsgegenständen entdeckt wurden. Die Annahme, dass derartige Gebäude lediglich aus Holz errichtet wurden, um so der ständig drohenden Gefahr durch Hochwässer besser entgegentreten zu können bleibt vorerst Theorie. Gleichwohl ist der stufenförmige in terassenhaft angelegte Furteingang nachweisbar, ebenso die Kultnische in ihrer Trockenmauerbauweise aus lokalem Kalkstein. Dies erscheint bedingt durch die ökonomische und strategische Bedeutung der Furt und wird zudem durch die rituelle Aufwertung mit einer Kultnische spirituell manifestiert. So wird zwar der strategische Wert durch die baulichen Massnahmen am Furteingang sichergestellt, insgesamt jedoch bildet der kultische Rahmen jenes überregionale Machtzentrum, welches aufgrund seiner rituellen Infrastruktur den vergesellschafteten Wert und Zusammenhalt der Gemeinschaft garantiert. Dies wird durch folgende Fakten nachhaltig belegt:

a)    Die sorgsame Mumifizierung dieser rechten, maskulinen Hand weist keinerlei Spuren von handwerklicher Verwendung und Nutzung auf. Die schwielenlose Hand ist feingliedrig und zeigt in ihrer Form eine Spreizung welche sich insgesamt zu einer gebenden Geste vereinigt.

b)    Die für die Mumifizierung verwendeten Materialien waren für damalige Zeit mit einem hohen Kostenaufwand verbunden, welcher lediglich für die obersten Vertreter der spirituellen Eliten Verwendung fanden. Die Einheit aus Kultnische, Cult-objecten (Triptychon) und mumifizierter Hand belegt den Status der spirituellen Bedeutung dieser Furtstelle zusätzlich.

c)    Die Notwendigkeit der Verwendung von auswärtigen Fertigungstechniken und posthumen Erhaltungsmassnahmen belegt die Abhängigkeit der eingeborenen Bevölkerung (mitsamt ihren administrativen Eliten). Es gibt keinerlei Hinweise auf eine militärische oder sonstige, gewaltsame Inbesitznahme dieses Gebietes zur besagten Zeit. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die eingeborene Bevölkerung in ihrer latenten Unterwürfigkeit freiwillig einen übergeordneten Herrschaftsanspruch akzeptierte, um dergestalt ein weitestgehend befriedetes und sicheres Dasein fristen zu können. Das eigentliche Herrschaftszentrum für diesen Bereich Nordtirols ist daher im süddeutschen Raum verortbar. Dieser transale Austausch kann heute noch genetisch nachgewiesen werden, da der überwiegende Teil der ausserferner Bevölkerung genetisch weit mehr mit den Allgäuern verwandt ist, als mit den restlichen Einwohnern Nordtirols.