Die Arteologische Ausgrabung „Kaunertal“, Mai bis Oktober 1997. Kaunertal, Mai – Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 1
Die bereits Ende der 80er Jahre zunehmende konservativ-nationale Grundeinstellung im öffentlichen Leben der österreichischen Politik fand ihre Fortsetzung in den Schwierigkeiten welche die Regierung unter Bundeskanzler Klima (SPÖ – Sozialdemokratische Partei Österreichs) mit ihrem Koalitionspartner ÖVP (Österreichische Volkspartei) in einem zunehmend nationalistisch gefärbten Umfeld zu bewältigen hatte. Die öffentliche Diskussion wurde von der rechtskonservativen Partei FPÖ (Freiheitliche Partei Österreichs) beherrscht, die nicht nur grossen Zuspruch innerhalb der Bevölkerung fand, sondern auch in populistischer Weise Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in ihrer politischen Programmatik vertrat und vertritt. Die Problematik bei der Entdeckung des humanoiden Fundes im Lechtal (sh.:Lechtal, Juli – September 1992, Ausgrabungsprotokoll 19), dass umgehend die administrativen Behörden vor Ort mit exekutioneller Unterstützung erschienen und per Bescheid/Verordnung auf die weitere Vorgangsweise und Verwendung des humanoiden Fundes leitenden Einfluss zu nehmen gedachten, ist eine direkte Auswirkung der beschriebenen Verhältnisse.
Die Freiheit der Wissenschaft und Lehre gilt zu Recht als unbestreitbares Fundament jeder aufgeklärten Gesellschaft. In Bezug auf den demokratisch-historischen Werdegang der heutigen Republik Österreich spricht die Historikerin Dr. Esther Abendstein von der Universität Haifa, in ihrem Standardwerk „Europa und seine demokratische Entwicklung (Solomon und Rubinicek, Jerusalem 1987)“ von einer oktroyierten Demokratisierung, welche von Seiten der eingeborenen Bevölkerung des heutigen Österreichs nur von einer elitären Minderheit aktiv betrieben und/oder unterstützt wurde. So wurde 1918 -1919 noch von „Deutsch-Österreich“ gesprochen und erst ab 1919 ein eigener Staat Österreich gebildet, welcher sich nahezu ausschliesslich aus den ehemalig deutschsprachigen Kronländern der vormaligen Habsburgermonarchie zusammen setzte. Dieses Staatengebilde wies nicht nur kein gefestigtes inneres nationales und positives Selbstverständnis auf, sondern führte relativ rasch zu einem undemokratischem Ständestatt und dem damit einhergehenden und auch als solchem historisch verbrieften Austrofaschismus (Austria = Österreich). Mit dem, vom überwiegenden Teil der österreichischen Bevölkerung jubelnd begrüssten Einmarsch der deutschen Truppen, erfolgte der Anschluss Österreichs an Nazideutschland. Der Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft muss als marginal bezeichnet werden. Vielmehr rekrutierten sich aus der vormals österreichischen Bevölkerung äusserst zahlreich Täter und Vollstrecker dieses Regimes. Eine Aufarbeitung dieser Zeit hat, wenn überhaupt, erst in den letzten Jahren zaghaft eingesetzt: ein beredtes Zeugnis über die grundlegende Einstellung der heutigen Bevölkerung ergibt sich aus der Tatsache, dass selbst junge Menschen noch immer davon sprechen, dass der Zweite Weltkrieg verloren wurde und der militärische Sieg der Alliierten Kräfte nicht als Befreiung von einer tyrannischen Fremdherrschaft verstanden wird. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Österreich als Staatengebilde wieder politisch von den siegreichen Alliierten Kräften rekonstituiert und mithilfe des „Marschallplans“ wirtschaftlich auf eine tragfähige Basis gestellt. Gleichwohl ein eklatanter Mangel an demokratischen Grundstrukturen augenscheinlich war, wurde die „Zweite Republik“ in Österreich proklamiert und mit dem Friedensvertrag 1955 konstitutionalisiert. Die Bevölkerung Österreichs hat – bis auf wenige Ausnahmepersönlichkeiten und Ausnahmesituationen – niemals aus eigenem Antrieb und eigener Kraft um demokratische Strukturen innerhalb ihrer Gemeinschaft gekämpft. Vielmehr erfolgte die Demokratisierung Österreichs im Verordnungswege durch die militärischen Sieger des Zweiten Weltkrieges. Somit kann weder im Selbstverständnis der eingeborenen, österreichischen Bevölkerung noch im legislativen und exekutionellen Bereich der politischen Gestaltbarkeit auf gewachsene demokratische Strukturen, die in ihren basalen Werten unumstritten und unabänderlich sind, zurück gegriffen werden. Die Anfälligkeit für Populismus und vorauseilendem Gehorsam bleibt somit latent und bedarf einer ständigen Achtsamkeit von aussen und innen.