Kaunertal, Mai - Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 2

Kaunertal, Mai – Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 2

Umgekehrt jedoch verhilft das Verständnis um die Eigenheiten und Absonderlichkeiten einer eingeborenen Bevölkerung zu einem verständnisvollerem Umgang im Miteinander und führt so dazu, dass manchmal Hindernisse oder gar unüberwindbar erscheinende Probleme mit Hilfe von verritualisierten Verhaltensformen gelöst bzw. beseitigt werden können.

So war es Herrn Herwig Angerer, dem Aquarellisten und Fotografenmeister der bisherigen arteologischen Expeditionen in den Nordtiroler Raum zu verdanken, dass umgehend aus dem Verbotsbescheid mitsamt persönlicher Überbringung durch den zuständigen Bezirkshauptmann für den Distrikt Reutte sich ein nachträgliches Bewilligungsverfahren für eine arteologisch-wissenschaftliche Untersuchung entwickelte, welches zudem auf die Unterstützung und positive Beachtung der jeweilig administrativ Verantwortlichen vor Ort, als auch im „Amt der Tiroler Landesregierung“ in Innsbruck, sowie unter den verantwortlichen politischen Mandataren zählen kann. Die Kenntnis dieser archaisch anmutenden  Verhandlungsform erinnert an alte Stammesrituale, welche unter Anrufung spirituellen Beistands sich vornehmlich jenseits der Begründungen aus Vernunft und Verstand bewegen. Dabei gilt es zuerst die primären Einzelinteressen der Würdenträger zu befriedigen um dann über eine Art von Interessensaustausch die eigentlichen Ziele und Vorstellungen zu erreichen. Geschah dies in Vorzeiten vornehmlich über Geschenke und dargebotene Opfergaben, so wird dies – und wohl nicht nur im direkten Nordtiroler Raum der europäischen Alpen – heutzutage über Medienpräsenz, Schmiergeld und Lobbyismus erreicht. Im gegebenen Fall der arteologischen Entdeckung des humanoiden Fundes von „Lechi“ floss zwar keinerlei Schmiergeld, jedoch wurde über die Achse Konsulat-Botschafter-Ankara-Freie Universität Izmir ein bilateraler Gedankenaustausch eigeleitet, welcher schlussendlich, unter avisierter und angekündigter Medienpräsenz zum gewünschten Resultat für eine sinnvolle wissenschaftliche Arbeit führte.

Generell muss festgestellt werden, dass die arteologische Arbeit insgesamt in Nordtirol schwieriger geworden ist. War die Erkundungswanderung im Jahr 1987, welche Dr. Arkadasch mit vieren seiner Doktorandinnen und Doktoranden im Juli dieses Jahres durchführte noch durchaus von einem Hauch von Abenteuerlichkeit begleitet, so offenbarte sich zehn Jahre später, bei der geplanten Umsetzung der seinerzeitigen Forschungsagenden, eine breite Skepsis bei den verantwortlichen Behörden vor Ort (vor allem bei den betroffenen Bürgermeistern [gewählte Ortsvorsteher]) und eine Art von bisher nicht erlebtem Misstrauen von Seiten der eingeborenen, heimischen Bevölkerung.

gletscherstrasse, kaunertal, dr. arkadasch, arteologieDie Wanderung 1987 führte von Landeck aus beginnend, dem Inn folgend bis kurz vor der Ortschaft Prutz, um dann in das Kaunertal abzuschwenken und dort über die Weiler Kauns, Nufels, Feichten über Rodelswald bis zum Gepatschstausee und anschliessend westwärts das Tal des Fissladbaches zu erkunden.

Die Diagnose der strukturellen Besonderheiten sowohl im Gebaren als auch Verhalten der indigenen Bevölkerung musste nach diesen zehn Jahren nur bezüglich einiger Randerscheinungen (Umgang mit Touristen, monetäre Grundausrichtung, Paarungsverhalten) minimal korrigiert werden, während das gesellschaftliche Grundkonzept einer sich verkapselnden Gemeinschaft nach wie vor aufrecht ist. Dass dabei natürlich die Abgeschiedenheit des Kaunertals generell derartige Tendenzen verstärkt und prolongiert ergibt sich zwingend aus der geografischen Lage und den daraus resultierenden wirtschaftlichen Möglichkeiten.

Auf der anderen Seite ermöglicht diese Form einer weitestgehend enklavischen Entwicklung interessante arteologische Einblicke in die Genese dieser Talschaft insgesamt.