Kaunertal, Mai – Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 3
Im Vergleich zur Erkundungswanderung im Jahre 1987 war auf der einen Seite ein deutlicher Rückgang eines gastfreundlichen Verhaltens insgesamt feststellbar: zwar bestand weiterhin eine vordergründig durch professionell anmutende Freundlichkeit begleitete Neugier nach dem Zweck des Aufenthaltes (der berufliche Charakter des Expeditionsteams war augenscheinlich), diese Neugier wurde jedoch von einer merkbaren Distanziertheit überlagert, sobald der wissenschaftlich, internationale Anspruch der arteologischen Ausrichtung thematisiert wurde. Fragestellungen wie „Und was gedenken Sie hier zu finden?“, „Hat das wirklich was mit unserem Tal zu tun?“, „Was führt ausgerechnet Fremde dazu, sowas zu untersuchen?“ fungierten als verbale Artikulation dieser Skepsis.
Auf der anderen Seite war das Verhalten der eingeborenen Bevölkerung insgesamt von einer monetären Dienstbeflissenheit gekennzeichnet, welche sich in einem breiten Dienstleistungsangebot zeigte, welches zehn Jahre zuvor noch nahezu undenkbar war. So war etwa im Gemeindeamt des Dorfes Prutz (am Eingang des Kaunertals gelegen) nunmehr ein Internetanschluss vorhanden, welcher gegen entsprechendes Entgelt und gegen vorherige Anmeldung über das Archäologische Institut der Universität Innsbruck zeitweise verwendet werden konnte. Die Unterbringung der wissenschaftlichen Grabungsteilnehmer erfolgte nunmehr vorab in direkter Zusammenarbeit mit dem Tourismusbüro des Kaunertals, welches an sechseinhalb Tagen die Woche von zwei weiblichen Bürokräften und einem eingeborenen Geschäftsführer besetzt ist. Da die Sommersaison in dieser Talschaft die wesentlich buchungsärmere Zeit gegenüber der Wintersaison darstellt, stellte die bezahlte Unterbringung der Expeditionsmannschaft eine durchaus willkommene wirtschaftliche Bereicherung dar. Besonders in der Gestaltung der Unterkünfte zeigte sich die touristische Entwicklung innert des letzten Jahrzehnts in dieser Talschaft: während die Unterbringung im Jahr 1987 noch teilweise den Charme von Jugendherbergen versprühte – mit Gemeinschaftsduschen und etagenweisen Sanitäranlagen – so waren nunmehr sämtliche Zimmer mit Bad/Dusche und WC, sowie teilweise sogar mit TV ausgestattet. In Bezug auf Reinlichkeit und Hygiene gilt das alpine Beherbergungswesen seit den 1960er Jahren selbst international als vorbildlich, lediglich die Küche muss nach wie vor als rustikal bezeichnet werden: schweinefleischbetont, fettreich und gewürzarm.
Architektonisch ist zu bemerken, dass der Versuch einer authentischen Umsetzung von Neubauten vielerorts dilettantisch zu einer Art bühnenhafter Szenerie verkommen ist, die sich in einer überquellenden Verwendung von Holz – Zierrat, Schnitzereien, naiver Lüftlmalerei und dem Anbringen von weidmännischem Schmuck an den Hausfassaden niederschlägt.
Verkehrstechnisch ist das Kaunertal zur Gänze für den motorisierten Individualverkehr erschlossen. Sämtliche Zu- und Abfahrten zu den verstreuten Ansiedlungen und dörflichen Weilern im Kaunertal sind mittels befestigter und asphaltierter Strassen zu bewältigen, selbst Forst- und Feldwege, denen eine touristische Nutzung angeplant ist, sind zumindest einspurig asphaltiert. Der Hauptverkehrsweg des Tales, die Kaunertal Landesstrasse, führt, vorbei am Gepatsch-Stausee bis zum Kaunertaler Gletscher und widerspiegelt die energiepolitische und touristische Wertigkeit der nunmehrigen ökonomischen Gesamtsituation des Tales.
Dieser Wandel des gesamten Kaunertals von einer grösstenteils rural geprägten Besiedelungsstruktur hin zum touristischen Dienstleistungssektor, prägt nicht nur die infrastrukturelle Entwicklung, sondern findet auch ihren Niederschlag in der eingeborenen Bevölkerung selbst. Rein agrarische Strukturen (vornehmlich im Familienverband) sind nunmehr lediglich vereinzelt und abseits der Primärlagen zu finden, während das wirtschaftliche Augenmerk vorwiegend im Bereich der Privatzimmervermietung und der gewerblichen Gastronomie sowie Hotelerie liegt. Die Landwirtschaft (vorwiegend Viehzucht mit alpiner Sommerweide) wird nunmehr stark rationalisiert und motorisiert im Nebenerwerb betrieben und erfüllt im Hauptzweck landschaftserhaltende und flurtechnisch übertragene Agenden.