Kaunertal, Mai – Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 5
Neben all der wissenschaftlichen Notwendigkeit von fundiertem Wissen und dem notwendigen Verständnis jener Techniken die den einzelnen dazu befähigen, sich diesen Wissenserwerb selbständig zu erarbeiten und in der täglichen Arbeit auch umzusetzen, bleibt dennoch gerade in der arteologischen und auch archäologischen Forschung ein breiter Raum für die selbsterlebte Erfahrung und deren Einbindung in verschiedensten situativen Gegebenheiten sowie die sinnvolle Erweiterung einer Adaptierung dieser Erfahrungen in similaren und dennoch vom Wesen her unterschiedlichen neuen Bereichen. Es ist diese Balance zwischen dem Festhalten an bisherig schlüssig wirkenden Inhalten einerseits und der Offenheit gegenüber neuen, manchmal sogar denkunmöglich erscheinenden Ideen, welche dazu imstande sind, unser bisheriges Wissen manchmal nicht nur grundlegend in Frage zu stellen, sondern sogar vollkommen neu zu definieren. Gerade im Alltag einer wissenschaftlichen Expedition sind daher Erfahrung und Intuition zwei ständige Wegbegleiter, welche oftmals wider alle Erwartungen den Schlüssel zum Erfolg in sich tragen. Erst diese Mischung aus nahezu kindlicher Neugier und fundierter wissenschaftlicher Basis ermöglicht jene Begeisterung die unabdingbar notwendig ist, um die meist mühsamen und oftmals beschwerlichen, wenn nicht gar gefährlichen Alltagssituationen einer Expedition in fremden Landen zu einem positiven Abschluss zu bringen. Ohne diese Frauen und Männer aus den Wissenschaften verbliebe die archäologische Forschung in den Händen von Laien und Dilettanten, welche unwissentlich oder gar wissentlich bis verbrecherisch, ihre Fundungen einzig aus Habsucht und Eitelkeit in vollkommen inadäquater Weise verkaufen oder zurschaustellen und dabei gänzlich auf eine sichernde Konservierung des Bestandes und der Fundorte achten, damit auch noch die nachkommenden Generationen in ihren Forschungen auf diese Basis zurückgreifen können.
Auch wenn in diesen Aufzeichnungen der arteologisch-wissenschaftliche Anspruch als einziges Primat gelten muss, so sei doch in wenigen Worten auf die zahlreichen Entbehrungen und Gefahren hingewiesen, welchen sich die Frauen und Männer bei diesen Expeditionen in den Nordtiroler Raum zu stellen hatten. Seien es nun kaum geniessbare Verköstigungen mit eingeborenen Speisen, der allgegenwärtige Alkohol in Form von hochprozentigen Spirituosen, die teilweise kaum nachvollziehbaren Sitten und Gebräuche, welche wiederum häufig von einer Talschaft zur anderen variieren, die behördliche Willkür in Form von kleingeistiger Administration, die häufigen klimatischen Wechsel in dieser inneralpinen Region, die zahlreichen Sprachschwierigkeiten und die permanente Skepsis oder gar versteckte Feindseligkeit bestimmter eingeborener Bevölkerungsschichten. Dass sich dennoch und immer wieder eine begeisterte Crew zusammenfindet – und es sind oftmals bereits Frauen und Männer die schon an vorangegangenen Expeditionen teilgenommen haben – die neben einer langen Zeit in der Ferne von der eigenen Heimat diese Beschwerden auf sich nehmen, zeigt beeindruckend, was Begeisterung und Tatkraft vereint in einem gemeinsamen Streben umzusetzen vermögen.
Interessant in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass Nordtirol, inmitten von Europa gelegen, infolge seiner jüngeren Geschichte nicht den qualitativen Anschluss an das Gedankengut der Aufklärung und an die daraus resultierenden Selbstverständlichkeiten einer demokratisch-bürgerlichen Gesellschaft in vielen Belangen geschafft hat. Feudales Denken, vorauseilender Gehorsam und eine Machtfülle der katholischen Kirche die andernorts kaum vorstellbar sind, prägen nach wie vor das politische und gesellschaftliche Zusammenleben, auch wenn vordergründig gerne der Anschein von demokratischer Legitimation vermittelt wird. Ohne die Mithilfe einheimischer Eliten, welche diesem System aus Seilschaften und verinnerlicht scheinender Unterwürfigkeit bewusst entsagen, und die gleichzeitig wissen, welche Mittel für die jeweilige Zweckerreichung notwendig sind, wäre keine der bisherigen Expeditionen wohl wirklich nachhaltig erfolgreich gewesen.