Kaunertal, Mai – Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 8
Die Effizienz mit der in dieser Situation die eingeborene Bevölkerung die Wetterkapriolen bewältigt, zeigt deutlich welch wirtschaftliches und arbeitstechnisches Potential in diesen Menschen steckt. Nicht nur bedingt durch die doch extremen klimatischen und geografischen Bedingungen war uns ist das alltägliche Leben in diesen Seitentälern Nordtirols nach wie vor grösstenteils von schwerer körperlicher Arbeit geprägt, welche problematischer weise zu einer immer stärker werdenden Landflucht der jungen Generationen führt bzw. zu einer Art von Wohntourismus, der sich insbesondere in neuerbauten Einfamilienhaussiedlungen in den wenigen, topografisch und klimatisch begünstigteren Tallagen niederschlägt, welche fast ausschliesslich abends von Arbeitspendlern bewohnt werden, die keinen direkten Bezug mehr zu den gewachsenen sozialen und/oder traditionellen Strukturen vorweisen. Ob es der nunmehr extensiv betriebene Tourismus (mit z. B. Gletscherskilauf im Hochsommer…) schafft, hier auf Dauer stabile wirtschaftliche Verhältnisse zu gewährleisten, welche eine Trendumkehr in der besiedelungstechnischen Frage nach sich ziehen, bleibt abzuwarten.
Die Schneeräumung sämtlicher wichtiger Verbindungsstrassen und Verbindungswege (auch ausserhalb der direkten Routen) funktioniert perfekt. Wenn nicht gerade schneesturmartige Niederschläge über einen mehrstündigen Zeitraum jede Form von Strassenbenützung ausschliessen, so ist davon auszugehen, dass die asphaltierten Fahrbahnen trotz Eis und Schnee mit guter Winterausrüstung mittels Kfz ständig befahrbar bleiben. Die gut 30 cm Neuschnee, welche in der Nacht vom 12. auf den 13. Mai in wenigen Stunden vom Himmel fielen, wurden überwiegend bereits bis zum Morgengrauen auf sämtlichen Hauptverkehrswegen geräumt. Die Strassenmeisterei Landeck befreite sogar ohne spezielle Aufforderung oder Bitte die Grabungsstelle restlos von der Schneedecke, schob dabei allerdings einen Grossteil der Schneemassen über die Böschung in das Geläufe des Faggenbaches, um solcherart durch den angestiegenen Wasserpegel die Entsorgung zu beschleunigen. Dies bedingte, dass das Grabungsteam die Grabungen zu den Parallelsondierungen vorerst aufschieben musste, da sich die Schneemassen der Strassenräumung als zu umfangreich erwiesen, um händisch sinnvoll abgearbeitet werden zu können.
Die dadurch freien Ressourcen nützte das Grabungsteam um einen Teil der Container, welche am Grundstück neben der Volksschule aufgestellt waren, umzusiedeln, da auf Grund der Oberflächenbeschaffenheit des angrenzenden Grashanges, verstärkt grosse Mengen von Schmelzwässern diesen Lagerplatz stark in Mitleidenschaft zogen. Zum Glück eignete sich das nach Norden von der Volksschule hin zu einer Kapelle gelegene Grundstück wesentlich besser für eine länger andauernde Nutzung, da hier mit wenigen Drainagerinnen sämtliche Oberflächenwässer ableitbar waren. Diese Arbeiten dauerten insgesamt zwei Tage, erfolgten bei strahlendem Sonnenschein und der Gewissheit, dass im Laufe einer Expedition ständig mit neuen Herausforderungen vor Ort zu rechnen ist.
Eine weitere Gefahrenquelle stellt in diesem Bereich der Gallrutbach dar, der vom Peischlkopf (2913 m) über das Einzugsgebiet der Gallrutalm mit grossen Wasser- bzw. Schneemassen eingespeist wird und im Bereich des Weilers Nufels mit starken Naturdämmen zu einem geradlinig verlaufenden Gerinne verbaut wurde, um so Lawinenabgänge und/oder Überflutungen hintan zu halten. Aus diesem Grund wurde auch die Kaunertal Landestrasse im Bereich der Einmündung des Gallruttbaches in die Fagge äusserst stark mit Beton bewehrt und trassiert, um dergestalt Unterspülungen und Abschwemmungen zu verhindern.
Das sich wenige hundert Meter bachabwärts anschliessende Grabungsgelände liegt somit ausserhalb des direkten Gefahrenbereiches und zeitigt durch seine natürliche topografische Geschütztheit daher jene erforderliche arteologische Relevanz, welche den Einsatz der wissenschaftlichen Expeditionstätigkeiten mehr als nur rechtfertigt.