Kaunertal, Mai - Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 9

Kaunertal, Mai – Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 9

Die gegenwärtige Erschliessung mit den heutigen technischen Möglichkeiten, welche diese Talschaft ganzjährig selbst für den motorisierten Individualverkehr erreich- und somit auch touristisch nutzbar macht darf nicht darüber hinwegtäuschen, welch ungeheurer materieller und auch finanzieller Aufwand dahintersteckt, um diesen Status aufrecht zu erhalten. Diese „Lebensader“ Tourismus ordnet umgekehrt aber auch sämtliche andere Lebensbereiche unter ihr Primat: mag es sich dabei nun um die landwirtschaftliche Nutzung handeln (die in weiten Bereichen ohnehin nur mehr landschaftserhaltenden und/oder landschaftsbewahrenden Charakter aufweist), oder um die bescheidenen Ansiedlungen von handwerklichen Betrieben oder Dienstleistungsunternehmen. Als Beispiel sei hier der in den letzten Jahren stark versierte Obstbau mit seiner Ausrichtung auf spezielle Kernobstsorten aus der Familie der Äpfel (Malus) und Birnen (Pyrus) genannt, welche jedoch nur in geringen Teil dem Verzehr zugeführt werden, hauptsächlich jedoch der Branntweinerei zur Verfügung stehen, wie insgesamt Alkohol in jeglicher Form als das traditionelle Rauschmittel in Nordtirol gelten muss, wobei wiederum in diesem Bereich dem Schnaps (Spiritus) in sehr hochprozentiger Mixtur (> 43 %) eine im Grunde genommen nur äusserst schwer nachvollziehbare Sonderstellung zukommt. Diese Destillerien haben sich besonders hier im Kaunertal, aber auch in sehr vielen anderen Teilen Nordtirols, besonders in der Nähe von touristischen Einrichtungen wie Gasthöfen und Hotels angesiedelt, um auf diese Weise mit dem Verkauf von Branntweinen an der wirtschaftlichen Entwicklung partizipieren zu können.

rauschmittel, kaunertal, 1997, dr. arkadasch, arteologieDr. Achmed Seruaui, hat in seiner „Studie über indigene Rauschmittel, deren Verwendung in der eingeborenen Bevölkerung und den daraus resultierenden kurz- und längerfristigen Einflüssen auf die gemeine Interaktion“ eindrucksvoll dargelegt, wie sich gerade im Bereich der österreichischen Alpenregion der regelmässige Konsum von hochprozentigem Alkohol auf das Sozialgefüge der Menschen niederschlägt. So gilt nach wie vor ein Normverstoss welcher unter Einfluss von starker Alkoholisierung vonstattengeht, als wesentlich unproblematischer (oder gar nur als sogenanntes „Kavaliersdelikt“), als ein gleich gearteter Regelverstoss, welcher in unalkoholisiertem Zustand vorgenommen wird. Dies geht hin bis zu öffentlicher und häuslicher Gewalt und kann bei gemeinsamen Feierlichkeiten in der Öffentlichkeit bereits bei Jugendlichen häufig beobachtet werden, welche oftmals schwer betrunken und unzurechnungsfähig, der Bewusstlosigkeit nahe, zu Agressionsausbrüchen, Weinerlichkeit, begleitet von Erbrechen und Kontrollverlust über die Bewegungsabläufe neigen. Derartige Vorkommnisse werden meist generell verharmlost und oftmals auch noch heroisiert. Zu mehr als 90 % ist dies ein rein männliches Verhalten – wenngleich zu bemerken bleibt, dass auch die weibliche Bevölkerung der österreichischen Alpenregion gleichfalls diesem Volksrauschmittel durchaus frönt. Jedoch gilt es als verpönt, dass sich Frauen (und Mädchen) generell im gleichen Ausmasse betrinken wie die Männer (und männlichen Jugendlichen), bzw. in dieser Art des Exzesses an der Öffentlichkeit beteiligen.

Laut Dr. Achmed Seruaui bedingte die historisch über Jahrhunderte hinweg andauernde Abgeschiedenheit der Dörfer, Weiler und Siedlungen, insbesondere in der oft ein halbes Jahr andauernden Winterzeit (welche auch kaum sinnhafte Tätigkeiten ausserhalb des Hauses und Hofes zuliessen), eine sich verstärkende Affinität zum vorhandenen Rauschmittel, um auf diese Weise die monotonen und geisteszehrenden Alltagssituationen (permanente Kälte und wirtschaftliche Not) erträglich zu gestalten. Dr. Achmed Seruaui vergleicht hierzu den oralen Gebrauch der Cocablätter in den südamerikanischen Anden, welche als Rauschmittel in der dortigen Region adäquat ihre Verwendung finden.

Die dabei im Raum Nordtirol zu beobachtenden Rituale im Zusammenhang mit Alkoholkonsum beinhalten häufig archaische Elemente, welche von ihrem Ursprung her auf die Zeit vor der Entdeckung der Destillerie (~ 14.Jahrhundert) rückführbar sind.