Kaunertal, Mai - Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 10

Kaunertal, Mai – Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 10

Bei dieser fünften Expedition in den Raum Nordtirol der Republik Österreich ist festzustellen, dass sich trotz eines mittlerweile 16-jährigen Zeitraums bis auf einige wirtschaftliche Parameter die sozialen und kulturellen sowie politischen Strukturen in diesem Teil Europas nicht oder kaum geändert haben. Es steht ausser Streit, dass ein wesentlicher Teil dieser konservativen Trägheit durch die abgeschiedene Lage dieser Talschaften prolongiert wird, da zudem die touristische Erschliessung überwiegend lediglich als merkantile Form einer besseren Bewirtschaftung der kargen Böden verstanden wird (so bringt die tätigkeitslose Verpachtung einer Weide oder alpinen Hochweide um vieles mehr an Geld, als die extrem arbeitsintensive Bewirtschaftung dieser Flächen im Rahmen der Viehzucht), denn als eine gesamtgesellschaftliche Öffnung und Hinwendung an Europa. Speziell jedoch die Mentalität der eingeborenen nordtiroler Bevölkerung beruht auf einem strengen, wenn auch offiziell nicht artikulierten Chauvinismus, welche jeden Kontakt mit aussen als erstes als Bedrohung der eignen Identität empfindet, denn als Chance auf eine Bereicherung der eigenen Wertigkeiten. Gerade wenn häufig im Gespräch mit Eingeborenen die eigene Offenheit immer wieder betont wird und dazu als Beispiele die zweimalige Ausrichtung der Olympischen Winterspiele in Innsbruck (Landeshauptstadt) ins Treffen geführt wird, sowie die durchaus beeindruckende Bilanz auf dem Gebiet des Fremdenverkehrs, zeigt doch der alltägliche Umgang mit Nichteinheimischen, welche nicht primär als touristische Devisenbringer für zwei bis drei Wochen sich im Lande aufhalten, sondern beruflichen und/oder wissenschaftlichen Aufgaben nachkommen, wie schnell diese merkantile Maske fallen gelassen wird und einer ursprünglichen Skepsis und Angst Platz machen.

europa relief, dr. arkadasch, arteologieIm Hinblick auf eine von den politischen Kräften in der Bundeshauptstadt Wien angestrebten Teilnahme an der Europäischen Union bedarf es hier noch gewaltiger Anstrengungen jener geistigen Bildungseliten, mit denen insgesamt Nordtirol eher spärlich bedient ist.

Zudem ist feststellbar, dass Bildung und Wissen im Stellenwert hier insgesamt weit unter den Fähigkeiten der politischen Vernetzung agieren, während – besonders in den Printmedien – dem Boulevard der sogenannten „öffentlichen Meinung“ breiteste Zu- und Übereinstimmung entgegengebracht wird. Dies zeigt sich nachhaltig in der österreichischen Medienlandschaft, die überwiegend mit einem konservativen und vereinfachend flachen Journalismus aufwartet und kaum Platz für investigative Berichterstattung zulässt. Die auch in Österreich sich als „frei“ bezeichnende Presse tendiert zu einer larmoyanten Nabelschau und ist insgesamt betrachtet weit davon entfernt jene Aufgaben zu erfüllen, welche Medien in einer funktionierenden Demokratie zukommen. Trotzdem, oder gerade deswegen beschränkt sich das mediale Interesse der Eingeborenen auf das jeweilige Lokalblatt (in Nordtirol auf die „unabhängige Tiroler Tageszeitung“), ein oder zwei überregionale Zeitungen („Krone“, „Kurier“, „Presse“) und auf die zwei staatlichen TV-Sender mit ihren jeweiligen lokalen, täglichen Einschaltungen von knapp 30 Minuten.

Das Interesse darüber hinaus endet meist mit dem Konsum des Unterhaltungsangebotes von bundesdeutschen Fernsehstationen, welches besonders für den privaten Gebrauch am Wochenende genutzt wird und für diverse Sportberichterstattungen in den Sommermonaten, wenn das patriotische Gesamtinteresse für den Skilauf und die damit verbundenen Rennberichterstattungen saisonbedingt zu Ende sind.

Gerade diese, sämtliche Bevölkerungsgruppen Nordtirols umfassende Begeisterung für den Skisport, welche in keinem anderen Land der Welt dieses Ausmass erreicht, bezeugt die chauvinistische Bereitschaft der Eingeborenen, sowohl die eigenen Traditionen und Sitten, als auch die eigene Ausformung der Gemeinschaft als eine humankulturelle Höchstleistung zu betrachten, die es umgekehrt erlaubt und notwendig erscheinen lässt, sämtliche Kontakte mit und von aussen als zumindest nicht ebenbürtig wenn nicht sogar unterlegen zu klassifizieren.

Daraus ergibt sich einmal mehr die absolute Wichtigkeit einer wissenschaftlichen Aufarbeitung und einer arteologischen Analyse, um dergestalt nachhaltig zu einer und positiven Gestaltung insgesamt beitragen zu können. Das Bewusstsein, dass Nordtirol inmitten von Europa liegt, kann durch die arteologische Forschung belegt werden und führt so zu einem tieferen und reichen Verständnis der Völkerschaften Europas.