Kaunertal, Mai – Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 11
Die Wintersaison im Tourismus dauert im Kaunertal im Regelfall bis Mitte April (um diese Zeit datiert meist auch das christliche Osterfest, welches sich jeweils nach dem Mond richtet und somit kalendarisch nicht auf ein dauerhaft starres Datum fixiert ist), wobei durch den Gletscherskilauf im hintersten Kaunertal diese Saison eine entsprechende Verlängerung erfährt und wirtschaftlich gesehen dem Tal eine Aufwertung der Zwischensaisonen und der Sommersaison (ab Ende Juni bis Anfang September) bringt. Gleichwohl herrscht zu dieser Zeit ein knappes Arbeitsplatzangebot, welches überwiegend die Nebenerwerbslandwirte betrifft, welche in der Winterzeit in den verschiedensten Seilbahn- und Beherbergungsbetrieben ihr zusätzliches unselbständiges Einkommen erwirtschaften. Generell ist das Kaunertal im gewerblichen und auch industriellen Bereich schwach strukturiert, was zum einen auf die infrastrukturelle Gebirgslage und zum zweiten auf das Fehlen jeglicher Bodenschätze (abgesehen von Schottervorkommen und der Waldbewirtschaftung) zurück zu führen ist. Das Arbeitsplatzangebot beschränkt sich daher grösstenteils auf den Dienstleistungssektor, welcher wiederum extrem saisonabhängig ist. So ist die eingeborene Bevölkerung in den Wintermonaten nicht in der Lage den Bedarf an Arbeitskräften in den Tourismusbetrieben zu decken, vielmehr sind die meisten gastronomischen Einrichtungen auf Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen angewiesen. Die xenophobe Grundeinstellung der eingeborenen Bevölkerung schlägt sich dabei oftmals in fragwürdigen Arbeitsbedingungen für das ausländische Arbeitspersonal nieder (eine Situation die für diesen Bereich geradezu typisch für ganz Nordtirol ist) und mündet in einer latenten Verhaltensdiskrepanz, zwischen nahezu unterwürfiger und scheinheiliger Freundlichkeit gegenüber dem zahlenden Gast und einer oftmals arroganten Herrschaftsattitüde gegenüber dem angeheuerten Personal ausländischer Herkunft.
Dieses Verhaltensdilemma spiegelt einerseits die Grundeinstellung der eingeborenen Bevölkerung wider – ein streng konservatives Festhalten an Gebräuchen und geschlechterspezifischer Rollenverteilung – und zeigt andererseits die Ängste und Befürchtungen auf, welche jede enklavische Bevölkerungsgruppe als Selbstschutz entwickelt, um dergestalt nicht durch von aussen kommende Verhaltensweisen und/oder Zuwanderungen die eigendefinierten Wertigkeit in Frage gestellt zu bekommen oder gar assimilativ zu verlieren.
Wirtschaftlich gesehen trat somit die arteologische Expedition als ausländisches Unternehmen auf und wurde trotz der mittlerweile in Nordtirol vorzeigbaren Erfolge und Ergebnisse zumindest mit skeptischer Vorsicht beobachtet. Die öffentliche Unterstützung durch die Universität Innsbruck und das Türkische Konsulat (mit Sitz in Salzburg) erleichterte zwar wesentlich die administrativen Vorarbeiten, jedoch wurde erst mit der Ankündigung der Anstellung von 23 Grabungsarbeitern (sowohl Frauen als auch Männer) einmal mehr ein positiver Zugang zur einheimischen Bevölkerung vor Ort gefunden.
Organisatorisch bedingt dies eine entsprechende Vorbereitung, da sowohl die sozialversicherungsrechtlichen als auch steuerrechtlichen Belange bereits vorab nach Möglichkeit restlos geklärt werden müssen, um späterhin Missverständnisse und administrative Hürden hintanzuhalten.
Mit der ersten Expedition nach Nordtirol gründete daher Dr. Arkadasch eine eigene Gesellschaft (mit beschränkter Haftung), deren Teilhaber sich aus dem Archäologischen Institut der Universität Innsbruck, dem Arteologischen Institut der Freien Universität Izmir, dem Wissenschaftsministerium der Republik Österreich und Dr. Arkadasch zusammensetzt. Als Geschäftsführer fungiert dabei Dr. Arkadasch. Mit dieser Rechtskonstruktion war und ist es möglich, an den jeweiligen Grabungsorten als eigenständiges Unternehmen aufzutreten und im rechtlichen Sinn als Arbeitgeber zu fungieren.